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Gutes Leben neu denken

Über Kooperieren habe ich hier im Blog und in zahlreichen Veröffentlichungen[i] schon viel geschrieben. Was hat aber Kooperieren mit Macht zu tun?



Michael Tomasello[ii] mit seinem Team hat bei seiner anthropologischen Entwicklungsfor-schung bei Kindern eine für Menschen charakteristische Art und Weise des Kooperierens gefunden. Diese folgt vier Kriterien oder Regeln: die KooperationspartnerInnen gehen (1) aufeinander ein und finden (2) ein gemeinsames Ziel; (3) klären sie die Rollen bei der Kooperation und helfen sie sich gegenseitig (4), wenn einer Hilfe braucht. So kann menschliches Kooperieren fair gelingen. Da taucht Macht noch gar nicht auf.


Verantwortung und Macht

Macht wird in einer Gesellschaft wie auch in einer Familie gebraucht, wenn wenige Menschen Verantwortung für ein größeres System, wie eine Familie, eine Organisation oder einen Staat übernehmen sollen.


Um Verantwortung nicht nur für sich selbst, sondern für ein größeres System umzusetzen, braucht es Vorbildfunktion und ein jeweils angepasstes Maß an Macht, z. B. um Schutz vor akuten Bedrohungen zu organisieren. Deshalb geben Kinder ihren Eltern naturgemäß eine Menge Macht und BürgerInnen ihrer Regierung und deren Institutionen meist auch. Selbst bei Kooperationen zwischen mächtigen Verantwortlichen und Untergebenen wie BürgerInnen können (und sollten!) die vier Regeln von Tomasello angewendet werden.


Egoistisches „Nicht-Kooperieren“

Problematisch wird es, wenn einer der KooperationspartnerInnen das gemeinsame Ziel, also die geteilte und dann kollektive Intentionalität und damit die Motivation der KooperationspartnerInnen aus dem Blick verliert und primär eigene (egoistische) Ziele verfolgt, wie z.B. Wahlerfolg für die Partei, Lobby-Interessen, persönliche Geld-und Machtinteressen u. Ä. Dann nennen Axelrod[iii] und andere ForscherInnen es Nicht-Kooperieren. Diese Art des egoistischen Nicht-Kooperierens ist in der kapitalistischen Ökonomie anscheinend die normale und dominierende Art (gestörter) Kooperation. Auch in Bezug zu der von Tomasello beschriebenen menschlich fairen Kooperation erscheint diese in der Ökonomie und Politik heute gestört. Viele WirtschaftswissenschaftlerInnen wie sogar einige BiologInnen versuchen, diese Art durch einen angeblich evolutionären Überlebenskampf zu begründen und als natürlich zu rechtfertigen. Dies resultiert aus einer einseitigen darwinistischen[iv] Miss-Interpretation von Darwins Forschungen.


Wir haben die Wahl zwischen Kooperieren und „Nicht-Kooperieren“

Interessant dazu sind die mathematischen Modelle zum Kooperieren des Politikwissenschaftlers Axelrod und anderen in der Spieltheorie. Als Rahmenbedingung haben sie das Gefangenendilemma (s. Wikipedia) genommen. Auch wenn das Bild des Gefängnisses kein schönes und kein salutogenes ist, ist dieses Rahmenmodell vom Gefängnis abstrahiert womöglich übertragbar auf Leben in einem Übersystem – heute etwa deutlich auf die Biosphäre mit den begrenzten Ressourcen. Darin haben die KooperationspartnerInnen die Wahl zwischen Kooperieren und Nicht-Kooperieren. Kooperieren hat zur Folge, einen mittleren Gewinn (bzw. eine mildere Strafe) zu bekommen im Vertrauen darauf, dass der andere, mit dem er sich nicht absprechen kann, auch diese Wahl trifft (schließlich haben beide bei der gemeinsamen Tat, wegen derer sie im Gefängnis sitzen auch schon kooperiert (bzw. als sie als kleine Kinder noch fair waren)): Dann kommen beide mit einer geringen Strafe davon. Wenn aber einer egoistisch und/oder nicht-vertrauend nicht-kooperiert, beschuldigt und verrät er den anderen. Dann kommt er selbst glimpflich davon (bzw. hat den größten Gewinn) und der andere bekommt die größte Strafe (bzw. hat den geringsten Gewinn oder sogar Verlust).

In diesen Computerspielen wie auch in der Realität kann es von dieser Art von Entscheidungen zwischen Kooperieren und Nicht-Kooperieren viele Abfolgen geben und dann viele Variationen, wobei z. B. einer jedes zweite Mal kooperiert und dann wieder nicht. Oder der Partner reagiert auf ein Nicht-Kooperieren ebenfalls mit einem Nicht-Kooperieren. Das heißt dann Tit-for-Tat: Wie du mir – so ich dir.

Axelrod hat in den 1980er Jahren dazu einen internationalen Wettbewerb ausgeschrieben, um die erfolgreichsten Algorithmen für die Art der Entscheidungen zum Kooperieren zu finden. Das Ergebnis ist einerseits erstaunlich und andererseits spiegelt es ziemlich die Wirklichkeit wider, wenn man das reale Leben etwas länger aus einer Distanz betrachtet.


Welche Art der Kooperation ist erfolgreicher?

Egoistisches Nicht-Kooperieren ist kurzfristig erfolgreicher für den agierenden Partner. Eine Kombination aus Kooperieren und Tit-for-Tat und dabei immer wieder vertrauensvolle Angebote zum Kooperieren zu machen, ist wiederum langfristig erfolgreicher.

Außerdem wurden Experimente einer Art gemacht, die Gesellschaften nachbilden sollten. Kurzfristig haben sich auch hier egoistische Strategien durchgesetzt –langfristig die kooperierenden. Wenn egoistische Strategien alle kooperierenden Partnerschaften verdrängt haben, von denen sie ja ausbeuterisch existiert hatten, haben sie letztlich sich gegenseitig zerstört. Ist das ein Szenario, in dem wir uns heute befinden? Wenn es weder aus der Umwelt noch aus den Massen noch viel herauszupressen gibt? Dann haben egoistisch handelnde Menschen ihre Lebensgrundlage und die anderer zerstört.


Zukünftige Dynamik von Kooperieren – auch jede lange Reise beginnt mit dem ersten Schritt

Wenn in solchen Gesellschaften nun kleine Anfänge von menschlich fairer Kooperation waren, waren diese nachhaltig erfolgreicher und konnten auf Dauer die egoistischen verdrängen. Auf Dauer siegt menschlich faires Kooperieren, sogar in mathematischen Berechnungen. Dazu braucht es eine zusammenpassende Absicht, ein gemeinsames Ziel, die geteilte und dann gemeinsame Intentionalität.

Wenn KooperationspartnerInnen eine gemeinsame Intentionalität haben,

bildet sich ein intentionaler Resonanzraum. In diesem intentionalen Resonanzraum agieren die KooperationspartnerInnen kokreativ wie Teilsysteme („AgentInnen“) eines Systems im Sinne des gemeinsamen Zieles.(Die beiden Kreise sollen die Selbst- und Kohärenzregulation der PartnerInnen darstellen: W=Wahrnehmen, H=Handeln, R=Reflektieren, Lernen)

Angenommen, wir befinden uns kulturell und global in der gerade skizzierten Situation, wo sich die egoistisch Nicht-Kooperierenden durchgesetzt haben. Dazu haben sie Regierungen z. B. durch entsprechende Leadership-Trainings und/oder andere Maßnahmen zum Vertreten ihrer Nicht-Kooperieren– und Kontroll-Ideologie und einem grundsätzlichen Nicht-Vertrauen gewonnen. Überzeugend und entscheidend für viele PolitikerInnen und ÖkonomInnenist nach wie vor der Fokus auf schnelle Erfolge. Diese brauchen sie, um wiedergewählt zu werden bzw. in der ökonomisch existentiellen Konkurrenz mehr Gewinn zu machen, Geltung zu erlangen, erfolgreicher zu sein. Allerdings war und ist ihr eigentlicher Auftrag, für ein gutes Leben aller BürgerInnen nachhaltig zu sorgen. Dazu brauchen alle Beteiligten Vertrauen und faires menschliches Kooperieren miteinander und mit der Natur – das allein hat langfristig Bestand und ist daher nachhaltig zukunftsfähig.

Heute gibt es viele Erkenntnisse zu dem, was wir für ein langes und gutes Leben brauchen. Ein Umsetzen dieses Wissens würde aber eine große Umverteilung der Reichtümer und Macht sowie eine tiefgehende Umstellung der Lebensgewohnheiten, der Kooperations- und Kommunikationsmuster bedeuten. Die Reise zu dieser Art von gutem Leben wird eine lange Reise der menschlich Kooperationswilligen sein. Allerdings tragen alle Menschen sowohl die Fähigkeit als auch das Bedürfnis zum Kooperieren in sich. Wie jede Reise beginnt auch diese mit dem ersten Schritt: kooperieren zum guten Leben aller Menschen – angefangen hier und jetzt mit meinen nächsten gutwilligen Mitmenschen um mich herum in meinem Leben.




[i] Petzold TD (2015) Für eine gute Arzt-Patient-Kooperation ist die gemeinsame Intentionalität entscheidend. Zeitschrift für Allgemeinmedizin Z.Allg.Med.10: 6–10.

Petzold TD: Blog auf der Website: www.gesunde-entwicklung.com : https://gesunde-entwicklung.com/ethik-zur-kooperation-zusammenfassung/

Petzold TD & Henke A (2023) Motivation. Grundlegendes für ein gelingendes Leben. Bad Gandersheim: Verlag Gesunde Entwicklung.

[ii] Tomasello M (2010) Warum wir kooperieren. Berlin: Suhrkamp.

Tomasello M, Hamann K (2012) Kooperation bei Kleinkindern. https://www.mpg.de/4658054/Kooperation_bei_Kleinkindern . (Abruf 10.02.2016)

[iii] Axelrod R (2009) Die Evolution der Kooperation. München: Oldenbourg.

[iv] Darwinismus: Darwin hat bei der „natürlichen Zuchtwahl“ (= Selektion) die „passendsten“ (= engl. fittest) als die überlebensfähigsten gefunden – nicht die stärksten. In seinen Beschreibungen dreht es sich immer wieder darum, wie die Lebewesen zu den Umweltbedingungen passen, sich anpassen oder diese sich passend machen – ganz ähnlich, wie es in Petzold & Henke 2023, S.61ff beschrieben ist. Dass er dabei auch häufig ein Konkurrieren und Kampf der Lebewesen beobachtet und auch ausführlich beschrieben hat, gehört dazu. Mit der darwinistischen Deutung der Evolutionstheorie ist die Deutung bezeichnet, die einseitig die Seite des Überlebenskampfes hervorhebt und als oberstes Evolutionsprinzip beschreibt.



Interessanterweise beschreibt Darwin im dritten Teil seines Hauptwerkes „Geschlechtliche Zuchtwahl in Beziehung auf den Menschen und Schluss“ (1874/1966, S. 629ff) wie Männer sich immer im Konkurrenzkampf (um Frauen) befinden und in dieser Konkurrenz immer bessere Fähigkeiten (auch als die Frauen –z.B. größere Gehirne) ausbilden. Frauen dagegen viel mehr auf sozialen Ausgleich und Fürsorge achten. Wenn das in der Tendenz stimmen sollte (nicht unbedingt in von Darwin beschriebenen Ergebnissen), könnte genau dieser beschriebene Unterschied zwischen Mann und Frau zu Darwins Überbetonung des Konkurrenzkampfes in der Evolution geführt haben (wie er in einem anderen Zusammenhang selbstkritisch einräumt (ebd. S. 67). Dieses männliche Konkurrenzdenken und -kämpfen ist möglicherweise auch ein wichtiges Teil des heutigen Problems. Zur Lösung könnten gerade die Frauen durch ihre ausgeprägten Fähigkeiten zur Empathie, Verbindungen herstellen und integrieren den größten Teil beitragen. Neuropsychologisch haben sie dazu eine bessere Verbindung zwischen den Großhirnhemisphären sowie häufiger die Fähigkeit, selbst existentielle Opfer-Situationen mit dem „tend-and-befriend“ (s. Kap. 2b) Muster friedlich zu lösen. Ihre Art zu denken scheint besser für die evolutionäre Lösung der heutigen großen Probleme gewappnet zu sein als der männliche Konkurrenzkampf.

Kommentar


Sandra

14. August 2023 um 20:38

Vielen Dank für diesen Blogartikel, ich finde ihn sehr wertvoll. Ich denke, dass gerade JETZT, Frauen besonders „gefragt“ und aufgefordert sind, ihre Fähigkeiten, wie du sie unten im Text beschrieben hast, zu leben. Diese Fähigkeiten ersteinmal selbst zu schätzen, ist der erste Schritt. Um sie dann in`s Leben (damit meine ich auch in die Kultur) zu bringen – dazu braucht es Mut. Ich denke es geht hier nicht nur um Frauen, sondern allgemein um Weiblichkeit. Somit sind genauso Männer mit ihren weiblich integrierten Anteilen gefragt und aufgefordert diese ans Licht zu bringen.

Auch wenn ein langer Atem gebraucht wird um kulturelle oder gar globale Machtmissbrauchsthemen zu transformieren, allein die Erfahrung des guten Kooperierens zum Wohle Aller (so gut es einem im Moment gelingen mag) – macht glücklicher, gibt Motivation und meinem Leben Sinn.

Alleine deshalb lohnt es sich, auf dem „salutogenen“ Weg zu bleiben und täglich ein Stückchen mehr über sich hinaus zu wachsen.

Herzlichst Sandra

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Deutsches Diagramm von Bewusstsein und Zeit: Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft mit einem blauen Pfeil und beschrifteten Ebenen
von Dr. med. T.D. Petzold 25. Juli 2025
Angesichts sich überschlagender Krisenereignisse in der Welt, scheint es angebracht, einmal zu versuchen, diese in einem größeren historischen Rahmen zu reflektieren. Womöglich ergibt sich aus einer etwas distanzierteren reflexiven Sicht mehr Klarheit über die größeren Zusammenhänge und auch darüber, wohin die Entwicklung im positiven Fall gehen kann. Grob zusammengefasst ist die hier vertretene These: Die kulturelle (R-)Evolution im 20. Jhdt. (insbesondere der 2. Hälfte, hier als „Wendezeit“) bezeichnet) ging in Richtung einer humanistisch geistig geprägten Ära, die häufig Informationszeitalter genannt wurde. Die Menschheit mit ihren Kulturen war auf dem Weg, sich in ein Zeitalter zu entwickeln, in dem der lebendige Geist das gute Leben zunehmend menschlich bestimmt. Diese (R)Evolution gefiel aber nicht allen. Insbesondere GewinnerInnen einer materialistisch ausgerichteten Denk- und Wirtschaftsweise agierten immer offener zur konter(r)evolutionären „Zeitenwende“. Im vorliegenden Beitrag, dem ersten Teil zu diesem Thema, geht es um die „Wendezeit“, wie ich sie erlebt habe und jetzt reflektiere. Im folgenden 2. Teil (voraussichtlich Ende August) geht es dann um die „Zeitenwende“, die die geistigen Entwicklungen der Menschheit versucht rückgängig zu machen. Im 3. Teil soll es dann um vorhandene zukunftsweisende Entwicklungen gehen. Ich lade Sie / Dich herzlich ein, bei dieser Meta-Reflexion mitzuwirken. Bitte schicken Sie mir Ihre / Du Deine Gedanken zu meinen Posts oder zu eigenem Erleben von Wendepunkten in der Wendezeit sowie auch zu Erfahrungen und Reflexionen zur Zeitenwende und zur Zukunftsperspektive. 1. Teil: „Wendezeit“ - Evolution der Menschlichkeit Gerade hat der Umweltmediziner Dr. Heinz Fuchsig aus Innsbruck mir eine Präsentation geschickt zu den „Co-Benefits Klimahandeln“. Er macht deutlich, wie viel in den letzten 40 Jahren im Umweltschutz schon erreicht wurde, das sich auch positiv auf die Gesundheit wie auch die Kindersterblichkeit auswirkt. Diese positiven Veränderungen wurden nach dem 2. Weltkrieg immer sichtbarer. In Wissenschaften Einige LeserInnen erinnern sich womöglich noch an das Buch „Wendezeit“ von dem Physiker und Philosophen Fridjov Capra, das 1983 in Deutsch erschien. Es war ein Highlight des intellektuellen Zeitgeschehens aus der Mitte der 2. Hälfte des 20. Jhdt. Capra versuchte dabei, Physik und Spiritualität zu integrieren. Er führte neue Methoden zur Integration des Subjektes sowie der Komplexität in das wissenschaftliche Arbeiten aus. Beide Themen sind große Herausforderungen für viele WissenschaftlerInnen (s. Capra 1983; Petzold 1996, 2001, 2022, 2024 u. Blog-Beiträge vom 1.2.2024 (Komplexität und Sprache) und 4.3.2024 (Subjektivität und Objektivität). In verschiedensten oder sogar allen Wissenschaften gab es in dieser Wendezeit Ansätze für neues Denken und Forschen. Thomas S. Kuhn hatte 1962 mit seinem Buch zur Struktur wissenschaftlicher Revolutionen einen „Meilenstein zur Wissenschaftsgeschichte und Wissenschaftstheorie“ (Wikipedia) gesetzt. Mit diesem Buch wurde der Begriff Paradigmenwechsel popularisiert. Nach Kuhn verläuft die Evolution der Wissenschaften in Phasen, die an das dialektische Prinzip von Hegel, Marx und Engels erinnern. Starke Impulse für Paradigmenwechsel in vielen Wissenschaften kamen aus der Quantenphysik und theoretischen Physik, aus der auch Capra berichtete. Auch die Kybernetik, Informatik, Systemtheorie und später die Chaosforschung gaben wichtige Anstöße zu einem neuen Denken. Von dem Biologen v. Bertalanffy wurde die Systemtheorie formuliert, die das moderne Denken in allen Lebenswissenschaften sowie auch Therapie- und Beratungsmethoden stark prägt. Sowohl in theoretischen Sozial- und Geisteswissenschaften als auch in praxisbezogenen Gesundheitswissenschaften wie der Psychotherapie, der ganzheitlichen Medizin (Gesundheitstag 1980) bis hin zur Ottawa-Charta der WHO 1986 wurde „out oft he box“ gedacht und es wurden neue Perspektiven, Praktiken und Theorien diskutiert (z. B. auch Antonovskys Salutogenese).
von Dr. med. T. D. Petzold 24. Januar 2025
Wir Menschen lernen sprechen im vertrauten Kreise unserer Familie. Sprechen erweitert unsere Kommunikation zunächst mit unseren vertrauten und nächsten Mitmenschen. Sprechen, dazu gehört jede Form von Kommunizieren mit vereinbarten Zeichensystemen, ermöglicht uns eine differenzierte Kommunikation über Ziele, Wünsche und
Eine Gruppe von Menschen steht draußen und hört einem Mann zu, der spricht. Einige tragen Sonnenbrillen und helle Kleidung.
von Dr. med. T. D. Petzold 2. Dezember 2024
Am 15.8.2024 wollte der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil das „Geheimnis von Heckenbeck“ erkunden und lösen. Heckenbeck ist ein Dorf, ein Ortsteil von Bad Gandersheim, das schon mehrfach Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat: u.a. durch Preise bei Landeswettbewerben „Unser Dorf hat Zukunft“ sowie durch NDR-Fernsehfilme von Christian Pietscher „Dorf macht glücklich“ und „Lust auf Dorf“ (2016). Das Dorfleben in Heckenbeck floriert seit vielen Jahren mit traditionellen Vereinen und besonders mit vielen neuen „alternativen“, meist von Kooperationen gegründeten und betriebenen Projekten wie einer ärztlichen Gemeinschaftspraxis, einer Hebammenpraxis, einer Freien Schule mit Kindergarten, der „Weltbühne“ (ein soziokulturelles Zentrum des „KuK e.V. Kommunikation und Kultur“), einem Meditationshaus, einer Solidarischen Landwirtschaft mit Gemüseanbau, einem Mitglieder-Bioladen, mehreren Handwerksbetrieben … Die Einwohnerzahl ist in den letzten 40 Jahren um 25% gestiegen, während sie in den meisten anderen Dörfern Südniedersachsens um etwa 20% zurückging. Was ist anders – gibt es ein „Geheimnis von Heckenbeck“? In Heckenbeck leben viele Menschen weitgehend selbstbestimmt. Sie kommunizieren kokreativ und kooperativ. Es gab einen intensiven Kommunikationsprozess, der immer noch anhält. Natürlich auch immer wieder mit schmerzhaften Erlebnissen. Als ich dem MP vor dem „Brennesselhof“, auf den ich 1984 gezogen war, in fünf Minuten die Geschichte des gemeinschaftlichen Lebens in Heckenbeck erklären sollte, habe ich von unserem kooperativen und gegenseitigen Helfen mit den Landwirten vor 40 Jahren berichtet und von der kokreativen Zusammenarbeit der neu dazu gezogenen. Und von der Entfaltung der Kommunikation im Gemeinschaftsleben, unter anderem durch die Kabarettistin Elisabeth Möller, die Erfahrungen im Theater der Befreiung von Augosto Boal und anderem hatte. Durch Loslassen und Zurückhaltung der therapeutischen Rolle und einem Kultivieren des Ausdrucks der eigenen Bedürfnisse, Gefühle, Wünsche, Anliegen und Visionen konnten wir eine vertrauensvolle Nähe herstellen. – Für weitere Einzelheiten blieb bei der Dorfführung mit dem MP keine Zeit. Aber hier kann ich Weiteres berichten. Verschiedene Menschen haben verschiedene Methoden zu kommunizieren in das alternative Dorfleben in Heckenbeck eingebracht: die Forumsarbeit aus dem ZEGG, den Redestab-Kreis aus indigenen Traditionen, Visionssuche, Gewaltfreie Kommunikation GfK, Co-Counceln aus der amerikanischen Selbsthilfebewegung … Dann habe ich den Verlauf der erfolgreichen lösenden Gespräche wie z. B. in unserer Hofgruppe reflektiert und daraus eine Methode formuliert, aus der später auf unserem Salutogenese-Symposium unter dem Einfluss weiterer „Techniken“, wie der OpenSpace-Technology der „Kokreative Raum KoRa“ wurde[1]. „ko-ko-ko“ macht glücklich Die Mischung aus einer vertrauensvollen kooperativ zupackenden Haltung (typisch männlich?) und einer offenen, mitfühlenden und sich mitteilenden Kommunikation (typisch weiblich?)[2] hat womöglich die Kokreativität zur Entfaltung gebracht und „glücklich“ und zufrieden gemacht. Für alle Beteiligten war dabei Geld verdienen, persönlichen materiellen Gewinn machen, nicht das oberste Ziel des Arbeitens wie Kooperierens. Allerdings hatte es seinen wichtigen Stellenwert, wie in der heutigen Realität erforderlich, aber dennoch nachrangig. An erster Stelle stand ein gutes Leben, ein erfülltes, sinnvolles Leben zu führen – gemeinsam und in und mit der Natur: der umgebenden wie auch unserer eigenen inneren. Das erscheint als artegerechtes Leben: kokreativ kooperativ kommunizieren kokoko. Das zeigen inzwischen viele Forschungen[3]). Das „Geheimnis von Heckenbeck“, das gemeinschaftliche Leben in und mit der Natur, ist im Kern womöglich ganz einfach die naturgegebene Art des Menschen, gut zu leben.
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