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Gutes Leben neu denken
VERTRAUEN IM LEBEN IN DER SPRACHE
Wir Menschen lernen sprechen im vertrauten Kreise unserer Familie. Sprechen erweitert unsere Kommunikation zunächst mit unseren vertrauten und nächsten Mitmenschen. Sprechen, dazu gehört jede Form von Kommunizieren mit vereinbarten Zeichensystemen, ermöglicht uns eine differenzierte Kommunikation über Ziele, Wünsche und Anliegen sowie Erfahrungen, die aktuell nicht sinnlich erfahrbar sind. So können Vorstellungen mitgeteilt werden. Damit ermöglicht unsere sprachliche Kommunikation auch Verständigung über abstrakte und zeitabhängige Verläufe. Die Zeit ist eine abstrakte Qualität, die nicht sinnlich direkt wahrnehmbar ist, sondern nur in einer Reflexion sinnlicher Wahrnehmungen. Mit Hilfe der Sprache können wir auch mit Menschen kooperieren, die uns noch nicht so vertraut sind und andere Erfahrungen und möglicherweise auch andere Ziele haben. [1]
Verstehst du mich?
Bei jeder sprachlichen Kommunikation ist im Hintergrund die Hoffnung, der Glaube oder ein Vertrauen, dass der Empfänger der Information diese so versteht, wie ich sie gemeint habe. Oder die (meist implizite) Frage danach: Versteht der andere auch wirklich, was ich gemeint habe und sagen wollte? Und: Habe ich ihn richtig verstanden? Wird er auch das tun, was er gesagt hat – so wie ich es verstanden habe? Werde ich das, was er berichtet hat (und ich verstanden habe) auch genauso erfahren? Oder höre ich eine andere Botschaft als er sie mir mitteilen wollte?
Diese Besonderheiten sprachlicher Kommunikation führen nicht selten dazu, dass Menschen etwas anderes hören als gemeint ist, bzw. etwas anderes sagen als sie wirklich meinen und fühlen. Sog. doppelte Botschaften sind ein Ursprung nicht nur von Missverständnissen, sondern auch vieler psychischer Störungen.
Nonverbal durch Tonfall, Mimik und Gestik teilen wir unser subjektives Befinden, unsere direkte Resonanz auf sinnliches Erleben in einer Situation mit. Im Unterschied dazu beschreiben wir mit der Sprache – ganz besonders schriftsprachlich – unsere Wahrnehmungen aus einer in der Evolution neuen Beobachterperspektive des Menschen. Dieser Beobachterstandpunkt kommt in der kollektiven Sprache zum Ausdruck und ist gewissermaßen als ein kollektiver Resonanzraum in der erlebten Welt zu verstehen. Oder womöglich treffender: als Resonanz auf die Informationssphäre unserer Welt. Sprache wäre so gesehen ein Mittel zur Selbstverwirklichung des Geistes.
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Wahrheit und Wahrhaftigkeit
Das Leben in der Sprache ist ein Leben in einer neuen Dimension, in einer zunächst unbekannten virtuellen Landschaft (wie einer weißen Landkarte). Diese abstrakte Sprachlandschaft wird ständig neu gebildet durch täglich neues Sprechen, Träumen, Verstehen und Reden wie auch Medien und durch Kinder. So erscheinen immer wieder neue Herausforderungen, in denen jeder prüft, ob die verstandenen Mitteilungen (noch) mit Erfahrungen bzw. einer geteilten Intentionalität übereinstimmen. Und ob durch Taten wirklich eine Annäherung an die genannten Ziele erreicht oder wenigstens versucht wird.
Die Wahrheit ist das Phänomen hinter der Sprache. Sie kommt (existiert) vor der Sprache. Mit Hilfe der Sprache wollen wir unsere Wahrnehmung des Phänomens mit anderen Menschen teilen.
Wahrhaftigkeit ist die Übereinstimmung einer Mitteilung mit dem tiefen inneren Erleben. Sie ist mehr als eine nur sprachliche Mitteilung, mehr als Ehrlichkeit. Wahrhaftigkeit ist umfassender und unmittelbarer Ausdruck ganzheitlichen Erlebens.
Es taucht die Frage nach Wahrheit und Wahrhaftigkeit auf, nach Wahrheit oder Lüge, nach Wahrhaftigkeit oder Manipulation und Show. Im Hintergrund dieser Frage steht immer der Wunsch nach vertrauensvollem Kooperieren: Kann ich dem Gesagten bzw. Geschriebenen und seinem Urheber vertrauen? Kann ich mit dem Autor der verbalen Mitteilung kooperieren (ggf. auch nur ideell im Geiste oder durch Wahl)?
Sprache und Autorität
Im Leben in der Sprache fühlen sich viele Menschen anderen Menschen überlegen, die sich von ihren Gefühlen („niederen Instinkten“, „Trieben“, ihrem Unbewussten,
„Autopilot“) steuern lassen und/oder sprachlich nicht so gewandt sind. Über die Sprache wird die Zugehörigkeit zur Kultur mit ihren Werten und Normen hergestellt. Kinder erfahren – ganz besonders durch Urteilen wie „richtig“ oder „falsch“, „gut“ oder „böse“ und damit angenommen, zugehörig oder abgelehnt, ausgeschlossen –die Sprache als mächtig, als Macht, der sie sich unterordnen müssen.
Viele Menschen neigen affektiv dazu, verbale Aussagen für die Wahrheit oder Unwahrheit zu halten. Ich möchte dazu einladen, Sprache als ein Mittel bewusst wahrzunehmen, um das zu kommunizieren, was man für wahr hält, was man wahrnimmt. Jeder Mensch gibt damit seine Perspektive auf die Realität preis, nicht unbedingt die Wahrheit per se. Die lebendige Wahrheit ist viel größer und komplexer, als wir mit Worten mitteilen können.
Viel Wahrheit ist auch in den Zwischenräumen der verbalen Kommunikation zu finden – dort, wo feine Resonanzen nachschwingen und Intuition aufleuchten kann. Sogar in (scheinbaren) Widersprüchen wie Paradoxien finden wir Wahrheiten. Zum Beispiel in der in sich unmöglichen Aussage: „Ich bin ganz normal.“ Wenn ein Mensch er selbst also individuell ist, kann er nicht einer Norm entsprechen, weil Norm und Individualität widersprüchlich sind. Andererseits will der Sprecher damit sagen, dass er sich bemüht, mit seinem Dasein in der Norm seiner Gesellschaft zu bleiben [3].
Sprache und ein Gefühl der Macht
Das Gefühl von Überlegenheit im Leben in der Sprache mag daher rühren, dass Erwachsene im Vergleich zu kleinen Kindern mehr Verantwortung und Macht haben, also übergeordnet sind und die Regeln und Gesetze der Kultur maßgeblich auch für Familien sind und zum Urteilen über Individuen benutzt werden. So wird zurecht von der „Macht der Sprache“ gesprochen. Auch psychologisch gesehen hat das seine Berechtigung. Das können wir uns bewusst machen, indem wir reflektieren, wie weitgehend unser Tagesablauf und unser Berufsleben vom Leben in der Sprache bestimmt wird. Sprachlich vermittelte Informationen wie auch Gedanken haben für uns eine vielfältige Top-down-Wirkung. Wir folgen ihnen und planen unsere Tage entsprechend. Physische Bedürfnisse und Emotionen haben vergleichsweise eher kurzfristigen Einfluss auf unser Verhalten – als notwendige Verrichtungen.
Mit dem Sprechen Lernen / Spracherwerb wachsen Kinder allmählich in die Verantwortung und Machtrollen von Erwachsenen und übernehmen die mit dem Sprechen-Lernen verknüpften Kommunikationsmuster. Dabei spielt die urteilende Richterrolle aus der Kultur eine besondere Rolle, weil sie im be- oder verurteilten Menschen Opfergefühle hervorrufen oder triggern kann [4].
Sprache und Individualität
So hat das Vertrauen in die Sprache zwei Seiten: 1. Die meisten Menschen geben der sprachlichen Kommunikation und den Urhebern von Texten einen Vertrauens- oder Misstrauensvorschuss (wie bei ihren Eltern). Und 2. Sprachliche Kommunikation wird primär als mächtig erlebt gegenüber den eigenen Bedürfnissen und Emotionen. Wenn man sich dabei mit seinen Bedürfnissen identifiziert, fühlt man sich leicht als Opfer des Lebens in der Sprache und agiert aus dieser Opferrolle heraus sehr empfindlich auf besondere urteilende Top-down-Aspekte in der Kommunikation.
Um ein (möglichst sehendes) Vertrauen in die Sprache herzustellen, müssen die individuellen und sozialen Bedürfnisse und Gefühle einen angemessenen Platz, eine passende Bedeutsamkeit im Leben in der Sprache bekommen. Das Ringen um diese stimmige Integration des Subjektes ins kulturelle Leben in der Sprache ist ein ständiger Aushandlungsprozess in allen Lebensbereichen [5]. Die Salutogene Kommunikation versteht sich als bewusster Teil dieses Entwicklungsprozesses. Das beginnt mit einer auch expliziten Wertschätzung der individuellen Bedürfnisse und ihrer Sinnhaftigkeit für die Gestaltung des guten Lebens.
Täter-Opfer-Richter- und Retter-Kommunikationsmuster
Wenn das nicht geschieht, ist es schwierig, überhaupt Vertrauen in sprachliche Kommunikation zu entwickeln – es sei denn, diese greift die Gefühle aus der Opferrolle auf (s. Trumps Kommunikation im Täter-Opfer-Richter/Retter-Interaktionsmuster; ähnlich kommunizieren alle politisch extremen Parteien …). Durch Verurteilen von Menschen (wie z.B. „Kriminelle“, „psychisch Kranke“, „Dummköpfe“ …) werden diese zu Opfern gemacht. Eine solche Kommunikation im Macht-Opfer-Dreieck zerstört Vertrauen und aufbauendes Kooperieren. Es entstehen Kooperationen im Aversionsmodus / aversiv motiviert, in Angst, die zu Zerstörungen führen.
Dieses Interaktionsmuster ist biologisch vorgeprägt und typisch für das Patriarchat, da die Männer/Väter in einer Familie die wichtige Aufgabe des Schutzes und der Verteidigung hatten. So ist auch zu verstehen, dass in Gefahrensituationen viele Menschen einschließlich vieler Frauen Männer wählen, die sich stark aufführen und vorgeben, das Land vor äußeren Bedrohungen sicher zu machen. Das ist auch der Grund, warum alle Diktatoren Bedrohungen von außen konstruieren oder aufblähen, weil das am ehesten die BürgerInnen dazu bringt, sie zu wählen, ohne auf Inhalte und Wesentlichkeiten zu achten. Allerdings führt die daraus resultierenden Kooperationen im angstgeprägten Aversionsmodus folgerichtig zu Chaos und Zerstörung.
Gesundes Misstrauen und sehendes Vertrauen
So erscheint es gesund zu sein, Menschen zu misstrauen, wenn sie anhaltend und überwiegend im Aversionsmodus kommunizieren – vor allem, wenn sie in einer Machtstellung sind oder eine solche anstreben. Gesundes Misstrauen führt dazu, dass wir unser Kooperieren verweigern; und wo möglich, positiv aufbauende Kooperationen mit einem sehenden Vertrauen bilden. Sehendes Vertrauen kann z. B. differenziert unterscheiden, ob der potentielle Kooperationspartner wahrhaftig ist und seine verbalen Mitteilungen in Bezug auf positive Ziele in sich abgestimmt hat oder ob er andere Absichten verfolgt mit einer „hidden / versteckten Agenda“ (wie z. B. in Geschäften primär Gewinn „Deals“ zu machen wie auch über andere zu siegen).
Fragen zum sehenden Vertrauen
Möchte und könnte ich mit dem Urheber einer verbalen Kommunikation (z. B. eines Textes) kooperieren (ggf. auch nur ideell bzw. indirekt durch Wählen)? Mit welchem Ziel? Was ist mein Ziel und was ist seins? Wo bin ich misstrauisch? Möchte ich das ändern?
Mein inneres Vertrauensbarometer bleibt wach und achtsam angesichts von Texten aller Art: Sind sie wahr, und formuliert der Autor wahrhaftig?
Sind sie in sich stimmig? Wie weit kann ich ihre Aussagen überprüfen? Wie viel will und muss ich glauben?
Immer wieder können wir die Fragen stellen: Wem bzw. welcher
Organisation/Institution möchte ich gerne mehr vertrauen? Wo möchte ich misstrauisch bleiben? Und: Was brauche ich zu mehr sehendem Vertrauen? Was kann der bzw. die Betreffende dazu beitragen? Was kann ich selbst dafür tun (z. B. brauche ich mehr Selbst- und/oder Urvertrauen?)?
Der Lernprozess zur Bildung sehenden Vertrauens geht wohl lebenslang
[6].
Sprache und ein Gefühl der Macht
[1] „Vertrauensbuch zur Salutogenese“ ist 2012 als Sammelband vom Salutogenese-Symposium 2011 in Bad Gandersheim; Hrsg. Theodor Dierk Petzold; verlag Gesunde Entwicklung: www.geen.de.
[2] S. a. den Blog: „Sprache zur Verwirklichung von Verbundenheit“ vom 1.2.2024: https://salutogenese-zentrum.de/sprache-zur-realisierung-von-verbundenheit/
[3] Unter anderen hat Wolf Büntig dieses Bestreben als „Normopathie“ bezeichnet und damit eine weitere mögliche implizite Wahrheit in dieser Aussage benannt.
[4] S. a. Petzold (2024) „Kokreativ gesunde entwickeln – Salutogenese als radikal integratives Gesundheitskonzept“. Bad Gandersheim: Verlag Gesunde Entwicklung.
[5] S. Blog-Post vom 27.5.2024: „Über Fake, Objektivität und Subjektivität“, und vom 30.10.2023 „Zur Rettung des Sprachraums als Kohärenzraum“ u.a.
[6] Dem Bilden von sehendem Vertrauen dienen VertrauensRäume und VertrauensTage, wo Teilnehmende sich mit Salutogener Kommunikation unter Anleitung Vertrauensfragen stellen und beantworten können: s. a.
Terminkalender
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