Blog: 

Gutes Leben neu denken

VERTRAUEN IM LEBEN IN DER SPRACHE

Wir Menschen lernen sprechen im vertrauten Kreise unserer Familie. Sprechen erweitert unsere Kommunikation zunächst mit unseren vertrauten und nächsten Mitmenschen. Sprechen, dazu gehört jede Form von Kommunizieren mit vereinbarten Zeichensystemen, ermöglicht uns eine differenzierte Kommunikation über Ziele, Wünsche und Anliegen sowie Erfahrungen, die aktuell nicht sinnlich erfahrbar sind. So können Vorstellungen mitgeteilt werden. Damit ermöglicht unsere sprachliche Kommunikation auch Verständigung über abstrakte und zeitabhängige Verläufe. Die Zeit ist eine abstrakte Qualität, die nicht sinnlich direkt wahrnehmbar ist, sondern nur in einer Reflexion sinnlicher Wahrnehmungen. Mit Hilfe der Sprache können wir auch mit Menschen kooperieren, die uns noch nicht so vertraut sind und andere Erfahrungen und möglicherweise auch andere Ziele haben. [1]

Verstehst du mich?

Bei jeder sprachlichen Kommunikation ist im Hintergrund die Hoffnung, der Glaube oder ein Vertrauen, dass der Empfänger der Information diese so versteht, wie ich sie gemeint habe. Oder die (meist implizite) Frage danach: Versteht der andere auch wirklich, was ich gemeint habe und sagen wollte? Und: Habe ich ihn richtig verstanden? Wird er auch das tun, was er gesagt hat – so wie ich es verstanden habe? Werde ich das, was er berichtet hat (und ich verstanden habe) auch genauso erfahren? Oder höre ich eine andere Botschaft als er sie mir mitteilen wollte?

Diese Besonderheiten sprachlicher Kommunikation führen nicht selten dazu, dass Menschen etwas anderes hören als gemeint ist, bzw. etwas anderes sagen als sie wirklich meinen und fühlen. Sog. doppelte Botschaften sind ein Ursprung nicht nur von Missverständnissen, sondern auch vieler psychischer Störungen.

Nonverbal durch Tonfall, Mimik und Gestik teilen wir unser subjektives Befinden, unsere direkte Resonanz auf sinnliches Erleben in einer Situation mit. Im Unterschied dazu beschreiben wir mit der Sprache – ganz besonders schriftsprachlich – unsere Wahrnehmungen aus einer in der Evolution neuen Beobachterperspektive des Menschen. Dieser Beobachterstandpunkt kommt in der kollektiven Sprache zum Ausdruck und ist gewissermaßen als ein kollektiver Resonanzraum in der erlebten Welt zu verstehen. Oder womöglich treffender: als Resonanz auf die Informationssphäre unserer Welt. Sprache wäre so gesehen ein Mittel zur Selbstverwirklichung des Geistes. [2]

Wahrheit und Wahrhaftigkeit

Das Leben in der Sprache ist ein Leben in einer neuen Dimension, in einer zunächst unbekannten virtuellen Landschaft (wie einer weißen Landkarte). Diese abstrakte Sprachlandschaft wird ständig neu gebildet durch täglich neues Sprechen, Träumen, Verstehen und Reden wie auch Medien und durch Kinder. So erscheinen immer wieder neue Herausforderungen, in denen jeder prüft, ob die verstandenen Mitteilungen (noch) mit Erfahrungen bzw. einer geteilten Intentionalität übereinstimmen. Und ob durch Taten wirklich eine Annäherung an die genannten Ziele erreicht oder wenigstens versucht wird.

Die Wahrheit ist das Phänomen hinter der Sprache. Sie kommt (existiert) vor der Sprache. Mit Hilfe der Sprache wollen wir unsere Wahrnehmung des Phänomens mit anderen Menschen teilen.

Wahrhaftigkeit ist die Übereinstimmung einer Mitteilung mit dem tiefen inneren Erleben. Sie ist mehr als eine nur sprachliche Mitteilung, mehr als Ehrlichkeit. Wahrhaftigkeit ist umfassender und unmittelbarer Ausdruck ganzheitlichen Erlebens.

Es taucht die Frage nach Wahrheit und Wahrhaftigkeit auf, nach Wahrheit oder Lüge, nach Wahrhaftigkeit oder Manipulation und Show. Im Hintergrund dieser Frage steht immer der Wunsch nach vertrauensvollem Kooperieren: Kann ich dem Gesagten bzw. Geschriebenen und seinem Urheber vertrauen? Kann ich mit dem Autor der verbalen Mitteilung kooperieren (ggf. auch nur ideell im Geiste oder durch Wahl)?

Sprache und Autorität

Im Leben in der Sprache fühlen sich viele Menschen anderen Menschen überlegen, die sich von ihren Gefühlen („niederen Instinkten“, „Trieben“, ihrem Unbewussten,

„Autopilot“) steuern lassen und/oder sprachlich nicht so gewandt sind. Über die Sprache wird die Zugehörigkeit zur Kultur mit ihren Werten und Normen hergestellt. Kinder erfahren – ganz besonders durch Urteilen wie „richtig“ oder „falsch“, „gut“ oder „böse“ und damit angenommen, zugehörig oder abgelehnt, ausgeschlossen –die Sprache als mächtig, als Macht, der sie sich unterordnen müssen.

Viele Menschen neigen affektiv dazu, verbale Aussagen für die Wahrheit oder Unwahrheit zu halten. Ich möchte dazu einladen, Sprache als ein Mittel bewusst wahrzunehmen, um das zu kommunizieren, was man für wahr hält, was man wahrnimmt. Jeder Mensch gibt damit seine Perspektive auf die Realität preis, nicht unbedingt die Wahrheit per se. Die lebendige Wahrheit ist viel größer und komplexer, als wir mit Worten mitteilen können.

Viel Wahrheit ist auch in den Zwischenräumen der verbalen Kommunikation zu finden – dort, wo feine Resonanzen nachschwingen und Intuition aufleuchten kann. Sogar in (scheinbaren) Widersprüchen wie Paradoxien finden wir Wahrheiten. Zum Beispiel in der in sich unmöglichen Aussage: „Ich bin ganz normal.“ Wenn ein Mensch er selbst also individuell ist, kann er nicht einer Norm entsprechen, weil Norm und Individualität widersprüchlich sind. Andererseits will der Sprecher damit sagen, dass er sich bemüht, mit seinem Dasein in der Norm seiner Gesellschaft zu bleiben [3].


Sprache und ein Gefühl der Macht

Das Gefühl von Überlegenheit im Leben in der Sprache mag daher rühren, dass Erwachsene im Vergleich zu kleinen Kindern mehr Verantwortung und Macht haben, also übergeordnet sind und die Regeln und Gesetze der Kultur maßgeblich auch für Familien sind und zum Urteilen über Individuen benutzt werden. So wird zurecht von der „Macht der Sprache“ gesprochen. Auch psychologisch gesehen hat das seine Berechtigung. Das können wir uns bewusst machen, indem wir reflektieren, wie weitgehend unser Tagesablauf und unser Berufsleben vom Leben in der Sprache bestimmt wird. Sprachlich vermittelte Informationen wie auch Gedanken haben für uns eine vielfältige Top-down-Wirkung. Wir folgen ihnen und planen unsere Tage entsprechend. Physische Bedürfnisse und Emotionen haben vergleichsweise eher kurzfristigen Einfluss auf unser Verhalten – als notwendige Verrichtungen.

Mit dem Sprechen Lernen / Spracherwerb wachsen Kinder allmählich in die Verantwortung und Machtrollen von Erwachsenen und übernehmen die mit dem Sprechen-Lernen verknüpften Kommunikationsmuster. Dabei spielt die urteilende Richterrolle aus der Kultur eine besondere Rolle, weil sie im be- oder verurteilten Menschen Opfergefühle hervorrufen oder triggern kann [4].


Sprache und Individualität

So hat das Vertrauen in die Sprache zwei Seiten: 1. Die meisten Menschen geben der sprachlichen Kommunikation und den Urhebern von Texten einen Vertrauens- oder Misstrauensvorschuss (wie bei ihren Eltern). Und 2. Sprachliche Kommunikation wird primär als mächtig erlebt gegenüber den eigenen Bedürfnissen und Emotionen. Wenn man sich dabei mit seinen Bedürfnissen identifiziert, fühlt man sich leicht als Opfer des Lebens in der Sprache und agiert aus dieser Opferrolle heraus sehr empfindlich auf besondere urteilende Top-down-Aspekte in der Kommunikation.

Um ein (möglichst sehendes) Vertrauen in die Sprache herzustellen, müssen die individuellen und sozialen Bedürfnisse und Gefühle einen angemessenen Platz, eine passende Bedeutsamkeit im Leben in der Sprache bekommen. Das Ringen um diese stimmige Integration des Subjektes ins kulturelle Leben in der Sprache ist ein ständiger Aushandlungsprozess in allen Lebensbereichen [5]. Die Salutogene Kommunikation versteht sich als bewusster Teil dieses Entwicklungsprozesses. Das beginnt mit einer auch expliziten Wertschätzung der individuellen Bedürfnisse und ihrer Sinnhaftigkeit für die Gestaltung des guten Lebens.


Täter-Opfer-Richter- und Retter-Kommunikationsmuster

Wenn das nicht geschieht, ist es schwierig, überhaupt Vertrauen in sprachliche Kommunikation zu entwickeln – es sei denn, diese greift die Gefühle aus der Opferrolle auf (s. Trumps Kommunikation im Täter-Opfer-Richter/Retter-Interaktionsmuster; ähnlich kommunizieren alle politisch extremen Parteien …). Durch Verurteilen von Menschen (wie z.B. „Kriminelle“, „psychisch Kranke“, „Dummköpfe“ …) werden diese zu Opfern gemacht. Eine solche Kommunikation im Macht-Opfer-Dreieck zerstört Vertrauen und aufbauendes Kooperieren. Es entstehen Kooperationen im Aversionsmodus / aversiv motiviert, in Angst, die zu Zerstörungen führen.

Dieses Interaktionsmuster ist biologisch vorgeprägt und typisch für das Patriarchat, da die Männer/Väter in einer Familie die wichtige Aufgabe des Schutzes und der Verteidigung hatten. So ist auch zu verstehen, dass in Gefahrensituationen viele Menschen einschließlich vieler Frauen Männer wählen, die sich stark aufführen und vorgeben, das Land vor äußeren Bedrohungen sicher zu machen. Das ist auch der Grund, warum alle Diktatoren Bedrohungen von außen konstruieren oder aufblähen, weil das am ehesten die BürgerInnen dazu bringt, sie zu wählen, ohne auf Inhalte und Wesentlichkeiten zu achten. Allerdings führt die daraus resultierenden Kooperationen im angstgeprägten Aversionsmodus folgerichtig zu Chaos und Zerstörung.


Gesundes Misstrauen und sehendes Vertrauen

So erscheint es gesund zu sein, Menschen zu misstrauen, wenn sie anhaltend und überwiegend im Aversionsmodus kommunizieren – vor allem, wenn sie in einer Machtstellung sind oder eine solche anstreben. Gesundes Misstrauen führt dazu, dass wir unser Kooperieren verweigern; und wo möglich, positiv aufbauende Kooperationen mit einem sehenden Vertrauen bilden. Sehendes Vertrauen kann z. B. differenziert unterscheiden, ob der potentielle Kooperationspartner wahrhaftig ist und seine verbalen Mitteilungen in Bezug auf positive Ziele in sich abgestimmt hat oder ob er andere Absichten verfolgt mit einer „hidden / versteckten Agenda“ (wie z. B. in Geschäften primär Gewinn „Deals“ zu machen wie auch über andere zu siegen).


Fragen zum sehenden Vertrauen

Möchte und könnte ich mit dem Urheber einer verbalen Kommunikation (z. B. eines Textes) kooperieren (ggf. auch nur ideell bzw. indirekt durch Wählen)? Mit welchem Ziel? Was ist mein Ziel und was ist seins? Wo bin ich misstrauisch? Möchte ich das ändern?

Mein inneres Vertrauensbarometer bleibt wach und achtsam angesichts von Texten aller Art: Sind sie wahr, und formuliert der Autor wahrhaftig?

Sind sie in sich stimmig? Wie weit kann ich ihre Aussagen überprüfen? Wie viel will und muss ich glauben?

Immer wieder können wir die Fragen stellen: Wem bzw. welcher

Organisation/Institution möchte ich gerne mehr vertrauen? Wo möchte ich misstrauisch bleiben? Und: Was brauche ich zu mehr sehendem Vertrauen? Was kann der bzw. die Betreffende dazu beitragen? Was kann ich selbst dafür tun (z. B. brauche ich mehr Selbst- und/oder Urvertrauen?)?

Der Lernprozess zur Bildung sehenden Vertrauens geht wohl lebenslang [6].

Sprache und ein Gefühl der Macht

[1] „Vertrauensbuch zur Salutogenese“ ist 2012 als Sammelband vom Salutogenese-Symposium 2011 in Bad Gandersheim; Hrsg. Theodor Dierk Petzold; verlag Gesunde Entwicklung: www.geen.de.

[2] S. a. den Blog: „Sprache zur Verwirklichung von Verbundenheit“ vom 1.2.2024: https://salutogenese-zentrum.de/sprache-zur-realisierung-von-verbundenheit/

[3] Unter anderen hat Wolf Büntig dieses Bestreben als „Normopathie“ bezeichnet und damit eine weitere mögliche implizite Wahrheit in dieser Aussage benannt.

[4] S. a. Petzold (2024) „Kokreativ gesunde entwickeln – Salutogenese als radikal integratives Gesundheitskonzept“. Bad Gandersheim: Verlag Gesunde Entwicklung.

[5] S. Blog-Post vom 27.5.2024: „Über Fake, Objektivität und Subjektivität“, und vom 30.10.2023 „Zur Rettung des Sprachraums als Kohärenzraum“ u.a.

[6] Dem Bilden von sehendem Vertrauen dienen VertrauensRäume und VertrauensTage, wo Teilnehmende sich mit Salutogener Kommunikation unter Anleitung Vertrauensfragen stellen und beantworten können: s. a. Terminkalender auf dieser Homepage.

Netzwerk Salutogenese 

Haben Sie eine Meinung zu diesem Thema? 

Möchten Sie einen anderen Beitrag leisten? 

Schreiben Sie uns gerne. 

Nach Prüfung Ihres Beitrags werden wir ihn zu diesem Thema oder einem anderen veröffentlichen. 

Wir freuen uns auf den Dialog mit Ihnen

Kontakt

von Dr. med. Theodor Dierk Petzold 4. Juli 2026
Mit der Salutogenese gehen wir der Fragestellung nach: Wie können Menschen sich in Richtung Gesundheit entwickeln? Angefangen beim biologischen und sozialen Netzwerken zum guten Leben schauen wir jetzt weiter zu einem kokreativ kooperierenden intentionalen Netzwerken – auch online. Allgemeine wissenschaftliche Erkenntnis Mit den Worten moderner Wissenschaften können wir heute die Frage der Salutogenese ganz allgemein so beantworten: Gesundheit entsteht in intentionalen Netzwerken. 1986 wurde diese Frage lebenspraktisch in der Ottawa-Charta so beantwortet: „Gesundheit entsteht da, wo Menschen lernen, lieben...“. Wissenschaftlich können wir es heute differenzierter so formulieren: Menschen entwickeln sich in ihren Wechselbeziehungen vernetzter Strukturen sowohl im Gehirn mit Sinnesorganen als auch im ganzen Organismus gesund: zwischen (Bio-)Molekülen, Zellen und Organen sowohl innerhalb des Individuums als auch mit seiner natürlichen und künstlichen Umgebung; vernetzt mit anderen Menschen in Familie und Gemeinschaft, organisiert im Leben in der Sprache in gesellschaftlicher Ökonomie und im Geiste bezogen auf die ganze Menschheit und Biosphäre und womöglich in noch größeren Dimensionen wie dem Sonnensystem und Kosmos. Gesundheit und Kohärenz Selbst die Funktion unserer Biomoleküle wie die Aktivität der Gene steht in Wechselwirkung mit der Umwelt wie der Strahlung, Luft und Nahrung sowie zwischenmenschlichen Beziehungen (Epigenese). Das Zusammenwirken der mehrdimensionalen Netzwerke folgt dabei attraktiven Zielen wie Sollzuständen. Diese müssen ein Mindestmaß an Kohärenz (Stimmigkeit, Zusammenhalt, Passung) aufweisen. Praktische Konsequenzen Hat diese theoretische Erkenntnis Bedeutung für unser alltägliches Leben und unsere Gesundheitsarbeit? In diesem Blogbeitrag soll es nicht um das individuelle Gesundheitsverhalten wie Ernährung gehen. Hier möchte ich die kulturelle Dimension der Organisation salutogener Arbeit fokussieren und diskutieren. Wie kann sich eine Kultur mehr auf Gesundheit ausrichten? Wie entstehen in der Gesellschaft gesundheitsbildende Strukturen wie Organisationen? Nicht nur zur Erhaltung von Gesundheit, sondern zu ihrer Bildung, zur gesunden Entwicklung? Können intentionale wie spontane salutogene Netzwerke organisiert werden? Wie viel Freiheit und Spontaneität und wie viel Struktur ist förderlich? Und welche Strukturen? Wann wird eine Struktur hinderlich? Ein Beispiel Als positives Beispiel dafür denke ich an unsere Symposien im Mai 2024 und 2026 in Passau. Die (nicht organisierte) Netzwerkpartnerin Petra Keiten äußerte 2022 bei einem Treffen aus Anlass der Jahrestagung der ÖGL in Linz die Idee und den Wunsch, mal wieder ein Symposium zu haben. Die drei weiteren Anwesenden fanden die Idee gut und schon wurde gemeinsam beschlossen, 2024 ein Symposium zu organisieren. Alle vier fanden wie verabredet zu einer guten und professionellen Kooperation. In diesem Salutogenese-Symposium wurden die Teilnehmenden angeregt und entwickelten eine Aufbruchstimmung. – Mal angenommen, dass dies Symposium wirklich ein (ggf. kleiner) Beitrag und Schritt auf dem Wege bewusster gesunder Entwicklung der Gesellschaft war, stellt sich die o.g. Frage, ob und ggf. wie wir solche kokreative Netzwerkarbeit kultivieren und organisieren können, um immer mehr Salutogenese wie gesunde Entwicklung in der Gesellschaft zu entfalten. Hierarchische Strukturen Herkömmliche, überwiegend hierarchische Strukturen mit Vorständen bzw. Chefetage sind dort erfolgreich, wo die Mitglieder/MitarbeiterInnen („ArbeitnehmerInnen“) die Ideen bzw. Aufträge/Befehle von oben ausführen sollen, ohne eigene kreative Ideen einzubringen (wie es beim Militär in krasser Form praktiziert wird, in Unternehmen wie auch im Wissenschaftsbetrieb teilweise etwas offener). Diese hierarchische Organisation kann bei der Umsetzung kurzfristiger und technischer Projekte erfolgreich sein. Netzwerkarbeiten sind von Attraktiva geleitet Bei längerdauernden Vorhaben, die zur Selbstorganisation eines guten Lebens wie der Salutogenese dienen sollen, braucht es gerade die aktive Beteiligung und aufbauende kokreative Kooperation möglichst aller Beteiligten. Da ist das Ziel der Kooperation nicht so eindeutig wie beim Militär oder bei der Herstellung eines technischen Produktes. Das gesunde und gute Leben ist grundsätzlich komplex. Das bedeutet, dass es nicht von einem ausgedacht und formuliert werden kann und dann nur umgesetzt werden muss. Es ist ein ständiger Entwicklungsprozess mit vielen z.T. rhythmischen Dynamiken und einem sehr diffusen attraktiven Ziel – einer „regulativen Idee“ oder „Leitidee“ [2] . Dieses hat mehr das Wesen einer komplexen Attraktiva zur Anziehung von Energie und Materie, die nicht eindeutig berechnet oder gar gemessen werden kann. [3] Wenn wir mit der abstrakten salutogenen Attraktiva, der Leitidee „Gesundheit“ und/oder „Kohärenz“ in Resonanz gehen, verbinden wir uns intentional. Aus dieser geteilten und gemeinsamen Intentionalität entfaltet sich dann ein kokreatives Kooperieren [4] – z. B. in Netzwerken, wie bei unserem Beispiel der Salutogenese-Symposien 2024 und 2026. Sehendes Vertrauen für kokreatives Kooperieren Dazu brauchen wir erstens das allgemeine (Ur-)Vertrauen, dass gerade diejenigen unter der salutogenen Intentionalität aktiv werden und Verantwortung für ein Projekt übernehmen wollen und im Netzwerk genügend positive Resonanz dafür finden, die für die gesunde Entwicklung in der Kultur gerade wichtig und möglich sind. Sie gehen samt all ihrer Fähigkeiten mit der Leitidee / Attraktiva in Resonanz, wollen Verantwortung für ein Projekt übernehmen und finden im Netzwerk genügend MitgestalterInnen. Es ist eine Selbstorganisation bottom-up in Resonanz auf eine übergeordnete Attraktiva /Leitidee. Diese hat offenbar eine intentionale Top-down-Wirkung. Durch eine Vielzahl der NetzwerkpartnerInnen wird die Chance und Wahrscheinlichkeit größer, dass immer neue Passungen in Bezug auf die kulturelle Salutogenese sich entfalten. Die Organisationsform wäre optimal dem Ziel und den Inhalten der Salutogenese angepasst. Im reflektierenden Bewusstsein, dass jede Organisationsform nur einzelne Aspekte der gesamten komplexen Wirklichkeit in die Realität bringen kann, gibt es in diesem Netzwerk einen Kreis, eine Gruppe von Aktiven sowie eine Organisation der Finanzen. Für die weiteren Tätigkeiten gilt das Vertrauen in den Prozess und die Mitglieder des Netzwerkes. [1] entnommen von: https://ch.wetter.com/magazin/wood-wide-web-das-steckt-hinter-dem-geheimen-leben-der-baeume_aid_69df65cd5576fbfac6075e07.html am 04.07.2026 [2] Kant I (1787/2015) Kritik der reinen Vernunft. In: Die Drei Kritiken. Köln: Anaconda. Uexküll T v, Wesiack W (1996) Wissenschaftstheorie: ein bio-psycho-soziales Modell. In: Adler RH, Herrmann JM, Köhle K, Schonecke OW, Uexküll Tv, Wesiack W (Hrsg.) Uexküll – Psychosomatische Medizin. München: Urban & Schwarzenberg; S. 13-52. Göpel E (2005) Erkenntnistheoretische Grundlagen der Gesundheitsförderung. In: Prävention. Zeitschrift für Gesundheitsförderung; 28.Jg. H.1: S. 3-8 [3] Attraktionsprinzip ist das Prinzip der Emergenz oder der Schöpfung, das besagt, dass sich Energie wie Masse in Richtung von Attraktoren/ Attraktiva bewegt. Das geschieht durchaus auf chaotischen, nicht exakt berechenbaren Wegen – hin zu neuen dynamischen Ordnungszuständen wie Strukturen. [4] Petzold TD (2022) Schöpferisch kommunizieren – Aufbruch in eine neue Dimension des Denkens. Bad Gandersheim: Verlag Gesunde Entwicklung; 2. überarb. Aufl. Petzold TD (2024) Kokreativ gesund entwickeln. Salutogenese als radikal integratives Gesundheitskonzept. Bad Gandersheim: Verlag Gesunde Entwicklung.
Deutsches Diagramm von Bewusstsein und Zeit: Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft mit einem blauen Pfeil und beschrifteten Ebenen
von Dr. med. T.D. Petzold 25. Juli 2025
Angesichts sich überschlagender Krisenereignisse in der Welt, scheint es angebracht, einmal zu versuchen, diese in einem größeren historischen Rahmen zu reflektieren. Womöglich ergibt sich aus einer etwas distanzierteren reflexiven Sicht mehr Klarheit über die größeren Zusammenhänge und auch darüber, wohin die Entwicklung im positiven Fall gehen kann. Grob zusammengefasst ist die hier vertretene These: Die kulturelle (R-)Evolution im 20. Jhdt. (insbesondere der 2. Hälfte, hier als „Wendezeit“) bezeichnet) ging in Richtung einer humanistisch geistig geprägten Ära, die häufig Informationszeitalter genannt wurde. Die Menschheit mit ihren Kulturen war auf dem Weg, sich in ein Zeitalter zu entwickeln, in dem der lebendige Geist das gute Leben zunehmend menschlich bestimmt. Diese (R)Evolution gefiel aber nicht allen. Insbesondere GewinnerInnen einer materialistisch ausgerichteten Denk- und Wirtschaftsweise agierten immer offener zur konter(r)evolutionären „Zeitenwende“. Im vorliegenden Beitrag, dem ersten Teil zu diesem Thema, geht es um die „Wendezeit“, wie ich sie erlebt habe und jetzt reflektiere. Im folgenden 2. Teil (voraussichtlich Ende August) geht es dann um die „Zeitenwende“, die die geistigen Entwicklungen der Menschheit versucht rückgängig zu machen. Im 3. Teil soll es dann um vorhandene zukunftsweisende Entwicklungen gehen. Ich lade Sie / Dich herzlich ein, bei dieser Meta-Reflexion mitzuwirken. Bitte schicken Sie mir Ihre / Du Deine Gedanken zu meinen Posts oder zu eigenem Erleben von Wendepunkten in der Wendezeit sowie auch zu Erfahrungen und Reflexionen zur Zeitenwende und zur Zukunftsperspektive. 1. Teil: „Wendezeit“ - Evolution der Menschlichkeit Gerade hat der Umweltmediziner Dr. Heinz Fuchsig aus Innsbruck mir eine Präsentation geschickt zu den „Co-Benefits Klimahandeln“. Er macht deutlich, wie viel in den letzten 40 Jahren im Umweltschutz schon erreicht wurde, das sich auch positiv auf die Gesundheit wie auch die Kindersterblichkeit auswirkt. Diese positiven Veränderungen wurden nach dem 2. Weltkrieg immer sichtbarer. In Wissenschaften Einige LeserInnen erinnern sich womöglich noch an das Buch „Wendezeit“ von dem Physiker und Philosophen Fridjov Capra, das 1983 in Deutsch erschien. Es war ein Highlight des intellektuellen Zeitgeschehens aus der Mitte der 2. Hälfte des 20. Jhdt. Capra versuchte dabei, Physik und Spiritualität zu integrieren. Er führte neue Methoden zur Integration des Subjektes sowie der Komplexität in das wissenschaftliche Arbeiten aus. Beide Themen sind große Herausforderungen für viele WissenschaftlerInnen (s. Capra 1983; Petzold 1996, 2001, 2022, 2024 u. Blog-Beiträge vom 1.2.2024 (Komplexität und Sprache) und 4.3.2024 (Subjektivität und Objektivität). In verschiedensten oder sogar allen Wissenschaften gab es in dieser Wendezeit Ansätze für neues Denken und Forschen. Thomas S. Kuhn hatte 1962 mit seinem Buch zur Struktur wissenschaftlicher Revolutionen einen „Meilenstein zur Wissenschaftsgeschichte und Wissenschaftstheorie“ (Wikipedia) gesetzt. Mit diesem Buch wurde der Begriff Paradigmenwechsel popularisiert. Nach Kuhn verläuft die Evolution der Wissenschaften in Phasen, die an das dialektische Prinzip von Hegel, Marx und Engels erinnern. Starke Impulse für Paradigmenwechsel in vielen Wissenschaften kamen aus der Quantenphysik und theoretischen Physik, aus der auch Capra berichtete. Auch die Kybernetik, Informatik, Systemtheorie und später die Chaosforschung gaben wichtige Anstöße zu einem neuen Denken. Von dem Biologen v. Bertalanffy wurde die Systemtheorie formuliert, die das moderne Denken in allen Lebenswissenschaften sowie auch Therapie- und Beratungsmethoden stark prägt. Sowohl in theoretischen Sozial- und Geisteswissenschaften als auch in praxisbezogenen Gesundheitswissenschaften wie der Psychotherapie, der ganzheitlichen Medizin (Gesundheitstag 1980) bis hin zur Ottawa-Charta der WHO 1986 wurde „out oft he box“ gedacht und es wurden neue Perspektiven, Praktiken und Theorien diskutiert (z. B. auch Antonovskys Salutogenese).
Eine Gruppe von Menschen steht draußen und hört einem Mann zu, der spricht. Einige tragen Sonnenbrillen und helle Kleidung.
von Dr. med. T. D. Petzold 2. Dezember 2024
Am 15.8.2024 wollte der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil das „Geheimnis von Heckenbeck“ erkunden und lösen. Heckenbeck ist ein Dorf, ein Ortsteil von Bad Gandersheim, das schon mehrfach Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat: u.a. durch Preise bei Landeswettbewerben „Unser Dorf hat Zukunft“ sowie durch NDR-Fernsehfilme von Christian Pietscher „Dorf macht glücklich“ und „Lust auf Dorf“ (2016). Das Dorfleben in Heckenbeck floriert seit vielen Jahren mit traditionellen Vereinen und besonders mit vielen neuen „alternativen“, meist von Kooperationen gegründeten und betriebenen Projekten wie einer ärztlichen Gemeinschaftspraxis, einer Hebammenpraxis, einer Freien Schule mit Kindergarten, der „Weltbühne“ (ein soziokulturelles Zentrum des „KuK e.V. Kommunikation und Kultur“), einem Meditationshaus, einer Solidarischen Landwirtschaft mit Gemüseanbau, einem Mitglieder-Bioladen, mehreren Handwerksbetrieben … Die Einwohnerzahl ist in den letzten 40 Jahren um 25% gestiegen, während sie in den meisten anderen Dörfern Südniedersachsens um etwa 20% zurückging. Was ist anders – gibt es ein „Geheimnis von Heckenbeck“? In Heckenbeck leben viele Menschen weitgehend selbstbestimmt. Sie kommunizieren kokreativ und kooperativ. Es gab einen intensiven Kommunikationsprozess, der immer noch anhält. Natürlich auch immer wieder mit schmerzhaften Erlebnissen. Als ich dem MP vor dem „Brennesselhof“, auf den ich 1984 gezogen war, in fünf Minuten die Geschichte des gemeinschaftlichen Lebens in Heckenbeck erklären sollte, habe ich von unserem kooperativen und gegenseitigen Helfen mit den Landwirten vor 40 Jahren berichtet und von der kokreativen Zusammenarbeit der neu dazu gezogenen. Und von der Entfaltung der Kommunikation im Gemeinschaftsleben, unter anderem durch die Kabarettistin Elisabeth Möller, die Erfahrungen im Theater der Befreiung von Augosto Boal und anderem hatte. Durch Loslassen und Zurückhaltung der therapeutischen Rolle und einem Kultivieren des Ausdrucks der eigenen Bedürfnisse, Gefühle, Wünsche, Anliegen und Visionen konnten wir eine vertrauensvolle Nähe herstellen. – Für weitere Einzelheiten blieb bei der Dorfführung mit dem MP keine Zeit. Aber hier kann ich Weiteres berichten. Verschiedene Menschen haben verschiedene Methoden zu kommunizieren in das alternative Dorfleben in Heckenbeck eingebracht: die Forumsarbeit aus dem ZEGG, den Redestab-Kreis aus indigenen Traditionen, Visionssuche, Gewaltfreie Kommunikation GfK, Co-Counceln aus der amerikanischen Selbsthilfebewegung … Dann habe ich den Verlauf der erfolgreichen lösenden Gespräche wie z. B. in unserer Hofgruppe reflektiert und daraus eine Methode formuliert, aus der später auf unserem Salutogenese-Symposium unter dem Einfluss weiterer „Techniken“, wie der OpenSpace-Technology der „Kokreative Raum KoRa“ wurde[1]. „ko-ko-ko“ macht glücklich Die Mischung aus einer vertrauensvollen kooperativ zupackenden Haltung (typisch männlich?) und einer offenen, mitfühlenden und sich mitteilenden Kommunikation (typisch weiblich?)[2] hat womöglich die Kokreativität zur Entfaltung gebracht und „glücklich“ und zufrieden gemacht. Für alle Beteiligten war dabei Geld verdienen, persönlichen materiellen Gewinn machen, nicht das oberste Ziel des Arbeitens wie Kooperierens. Allerdings hatte es seinen wichtigen Stellenwert, wie in der heutigen Realität erforderlich, aber dennoch nachrangig. An erster Stelle stand ein gutes Leben, ein erfülltes, sinnvolles Leben zu führen – gemeinsam und in und mit der Natur: der umgebenden wie auch unserer eigenen inneren. Das erscheint als artegerechtes Leben: kokreativ kooperativ kommunizieren kokoko. Das zeigen inzwischen viele Forschungen[3]). Das „Geheimnis von Heckenbeck“, das gemeinschaftliche Leben in und mit der Natur, ist im Kern womöglich ganz einfach die naturgegebene Art des Menschen, gut zu leben.
von Anne Lohmann 27. Mai 2024
Anknüpfend an den Beitrag vom 21. März ist die Frage im Raum, wie wir, uns bei einem Angriffskrieg verhalten wollen. Es geht nicht darum, Partei für Putin oder die USA zu ergreifen. Es geht um unser eigenes Wohl. Wie haben wir und unsere Nachkommen nachhaltig ein gutes Leben mit Leib und Seele? Dazu brauchen wir einen
von Dr. med. T. D. petzold 29. April 2024
Die Frage nach einer Selbstbestimmung taucht in Gesundheitsfragen eigentlich nur auf, wenn es keine freiwillige Übereinstimmung zwischen Patient und Behandler gibt. Normalerweise ist die Kooperation zwischen diesen PartnerInnen so stimmig und vertrauensvoll, dass die Selbstbestimmung und Autonomie des Patienten eine..
von Dr. med.T. D. Petzold 21. März 2024
Sollen Kinder lernen, Frieden zu stiften oder Krieg zu erdulden? Die Kriegsvorbereitungen durch die Bundesregierung werden immer offener und umfassender. Mit der „Zeitenwende“ zurück zu einem hochgerüsteten kriegerischen Deutschland und der Einstimmung auf einen möglichen Krieg gegen Russland (und/oder…
von Dr. med. T.D. Petzold 4. März 2024
Wie können wir unser lebendiges Subjekt angemessen in der Sprache kultivieren? In einer subjekt-entleerten naturwissenschaftlich technischen Sprache geht es angeblich nur um eine ‚objektive‘ Beschreibung von ‚Fakten‘. Für das Funktionieren der Technik sind diese Fakten maßgeblich. Wo aber bleibt dabei der Mensch...
von Dr. med. T.D. Petzold 1. Februar 2024
Wie können wir Verbundenheit mit der Sprache verwirklichen? In den letzten Beiträgen habe ich immer wieder Trennendes in der Sprache beschrieben. Jetzt möchte ich einmal beim Verbindenden bleiben. Dazu gehe ich einer These nach: Alle Menschen sind miteinander in der Biosphäre verbunden...
von Dr. med. T. D. Petzold 5. Januar 2024
Alle Menschen, die ich kenne, sagen, dass sie Frieden wollen. Wie kommt es, dass trotzdem immer wieder Krieg geführt und dafür gerüstet wird? Und warum rechtfertigen so viele Menschen den Krieg dann irgendwie und machen ihn mit? Sind das Folgen von Hirnwäsche? Wie können wir eine friedvolle Sprache kultivieren?
von Dr. med. T.D. Petzold 22. Dezember 2023
MASSENMEDIEN UND SPRACHE ALS MITGESTALTUNGSRAUM Wenn wir den Sprachraum als Mitgestaltungsraum wollen…?