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Kommunikation - Theorie

Bislang geht die Kommunikationstheorie von einem Sender und einem Empfänger von Informationen aus (Sender-Empfänger-Modell), was für weite Teile der Kommunikationstechnik angebracht erscheint. Das Modell kennt zwei getrennte Systeme (Individuen, Parteien), die erst durch das Senden und Empfangen in Beziehung treten – als Ausgangs- und Endpunkt.

Gibt es zwischen den kommunizierenden Systemen gemeinsame Informationen, etwas Verbindendes (eine Kommunikation) auch unabhängig von dem beobachteten Senden und Empfangen? Gibt es etwas Verbindendes, das schon vor dem Senden-Empfangen da war und/oder etwas, das durch das Senden-Empfangen (=Verhalten) entsteht?

So geschieht in einem guten Beratergespräch weitaus mehr als nur Senden und Empfangen. In einem heilsamen, kreativen Dialog, der jede salutogene Kommunikation sein soll, entsteht gemeinsam etwas Neues auf der Grundlage einer vorbestehenden mehrdimensionalen Verbundenheit auf Grund einer gemeinsamen Intentionalität, einer Sprache, einer sozialen und kulturellen Rollenverteilung u.a.m.

Die Intention und Denkweise, die hinter dem Sender-Empfänger-Modell für die Kommunikation steht, ist eine analytische, trennende, zerteilende – was dem wissenschaftlichen Denken vor hundert Jahren entsprach. Für Therapie und Problemlösung ist eine synthetisierende, ganzheitlich integrierende, salutogene Intention und Denkweise förderlich. Aus einer solchen Intention ist das systemische Resonanzmodell (Th. D. Petzold 2000, 2010, 2011) entstanden. Die Grundüberlegungen sowie der praktische Bezug seien hier kurz skizziert. Das Resonanzmodell ist mit den Erkenntnissen moderner Physik und Chaosforschung kompatibel. Es bildet auch die Grundlage zum Verständnis von kreativen Dialogen.

Kommunikation als systemische Resonanz

Resonanz ist ein Mitschwingen in der Eigenschwingungsfähigkeit, auch ein Antwortschwingen. Bevor wir anfangen eine Botschaft auszusenden, also Sender zu werden, sind wir derart in Resonanz mit unseren Über-, Unter- und Partnersystemen, dass es bei genauer Betrachtung unmöglich ist, von einem ersten Sender oder Empfänger zu sprechen. D.h. wir (auch „Sender“ und „Empfänger“) sind in ständiger Resonanz auf unsere Übersysteme und senden in Resonanz und empfangen Resonanzen auf unsere Sendungen, sodass es irreführend erscheint, an einem Punkt den Schwingungsfluss zu unterbrechen, den Blick auf zwei getrennte Systeme und einen begrenzten Wellenbereich und Zeitabschnitt zu reduzieren und von Sender und Empfänger zu sprechen. Dabei geht etwas Gemeinsames und Geteiltes – die Grundlage jeder Kommunikation – gänzlich verloren. Da ist es hilfreich, sich an die ursprüngliche Bedeutung des lateinischen Wortes ‚communicare = gemeinsam tun, mitteilen‘ (Duden Herkunftswörterbuch) zu erinnern.

Als ein Beispiel sei das Experiment von M. Tomasello(2011) mit Säuglingen zur Kooperation angeführt. Ein zwölf Monate altes Kind sitzt im Arbeitszimmer einer erwachsenen Bezugsperson, die gerade Aktenordner ordnet. Die Person verlässt das Zimmer und kommt kurz darauf wieder herein und guckt suchend herum. Da zeigt der Säugling mit dem Finger auf den gesuchten Aktenordner, der neben dem Schrank steht. Wo hat die Kommunikation begonnen? Tomasello spricht von gemeinsam geteilter Intentionalität als Grundlage für diese Kooperation. Wer ist Sender und Empfänger für die gemeinsame Intentionalität? Wo und wie entsteht die Resonanz?

Kohärenz und Information von Systemen

Ein System wird durch die Beziehungen seiner Teilsysteme zusammengehalten – die Teile gehen die Beziehungen ein, die das Ganze zusammenhalten. Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile. Die zusammenhaltenden Beziehungen ergeben insgesamt die Kohärenz des Systems und machen sein ‚Mehr‘ aus. Sie bringen das System in eine dynamische Form, die es als System erkennbar/unterscheidbar von der Umgebung macht. Sie machen die Information des Systems aus.

Jedes Teilsystem ist in Resonanz mit der Kohärenz und damit der Information des Systems – zumindest mit einem Teil der Information.

Wenn wir die übliche Definition von Kommunikation als „Informationsaustausch“ übernehmen, ist jedes Teil in jedem Moment in Kommunikation mit dem Ganzen (wie die alten Römer ‚communicare‘ schon systemisch als ‚gemeinsam tun‘ verstanden haben).

Was bedeutet das konkret und praktisch?

Ein Mensch ist als Teil seiner Familie in ständiger Resonanz zu dieser – also ständiger Träger der Beziehungs-Information seiner Familie. Wenn er kommuniziert – und er kann gar nicht anders als ständig kommunizieren (s. Watzlawick) – tut er dies in Resonanz zur Kohärenz seines Familiensystems, auf dem Informationshintergrund seiner Herkunftsfamilie.

Dies ist nicht das einzige Übersystem eines Menschen, von dem er ein Teil ist. Seine Familie ist ein Teilsystem einer Kultur mit eigener Sprache, Ökonomie und Geschichte, und die Kultur ist ein Untersystem der Menschheit und Biosphäre und der Evolution. Der einzelne Mensch geht durch Ausbildungen, Schule und Beruf auch in individuelle Resonanz mit der Kultur und Umwelt.

Wenn ein Mensch A mit einem anderen B telefoniert (klassisches Beispiel für das Sender-Empfänger-Modell), so tut A dies 1. In Beziehung und Resonanz zu B, zu ihrer Vorgeschichte und gemeinsamen Intention; 2. In Resonanz zu seiner Familie und 3. In Resonanz zur Kultur (Sprache, Technik…) und möglicherweise noch zu anderen Übersystemen (Wetter, Universum…?).

All diese Kommunikation wird ausgeblendet, wenn wir uns mit dem Sender-Empfänger-Modell auf das aktuelle Telefonat von A und B beschränken. Weiter wird mit diesem Modell die dialogische wie auch kooperative Qualität des Gesprächs ausgeblendet, die ein kreatives Ergebnis bringen kann.

In der Therapie und Beratung erleben wir es ständig: Wenn wir bei unserer Kommunikation lediglich vom Sender-Empfänger-Modell ausgehen, verstehen wir nur ein Bruchteil dessen, was für den Erfolg der Beratung erforderlich ist, auch nur ein Bruchteil dessen, was uns der Klient mitteilt. Da hilft auch das gut gemeinte 4-Ohren-Modell von Schulz von Thun nichts. Wir müssen hinter seiner Mitteilung 1. seine Motivation und seine Ressourcen erkennen und die biografische und systemische Dynamik verstehen, aus der heraus sie kommen. Damit erfahren wir auch von dem Kontext, in dem der Klient sich verändern will und kann. 2. Wollen wir Möglichkeiten der Interaktion erfassen (eine heuristische Herangehensweise), die zur Lösung des Problems führen kann. Dieses Verstehen impliziert weit mehr als nur „empfangen“, es schließt den aktiven Einbezug, ein in Frage und zur Verfügung stellen der eigenen Fähigkeiten, Motivation und Ressourcen für das Gespräch ein.

Jede dieser Aufgaben für sich genommen ist schon sehr komplex – sie zusammen erst recht. Mit einiger Erfahrung und Übung kann man allerdings beim Erzählen des Klienten schon die systemische Gewordenheit, z.B. den Vater oder die Mutter hinter den Worten hören und spürt gleichermaßen in Resonanz mit der eigenen Lösungskompetenz die Wege, die das Gespräch salutogen gehen kann.

Die Tatsache, dass der Klient und wie er jetzt gerade zu mir als Therapeut / Berater spricht, hat etwas mit meiner professionellen Rolle und meiner Person zu tun, wie ich ihn begrüßt habe, ihn angucke usw. Seine Mitteilungen sind auch Resonanzen auf mein Dasein mitsamt meiner kulturellen Rolle. Wer ist da jetzt wann der Sender und wer der Empfänger? Und wofür soll das von Interesse sein?

Trotz dieser Komplexität der Kommunikation ist es im Einzelnen gelegentlich angebracht, einen Sender und Empfänger zu benennen – insbesondere wenn es um die Übernahme von Verantwortung für ein Verhalten und um die Entfaltung von Autonomie geht. Allerdings genügt diese Reduktion nicht annähernd, um die Dynamik der Kommunikation wirklich zu verstehen. In jedem Fall ist die Vorstellung hilfreich, dass wir auch zur Entfaltung unserer Autonomie wie auch zur Übernahme von Verantwortung mit der Kohärenz eines größeren Übersystems resonieren (oft als ‚Intuition‘ bzw. ‚Inspiration‘ bezeichnet) und aus dieser Resonanz heraus (z.B. ‚Weisheit‘) unsere Autonomie zur salutogenen Gestaltung unserer Lebenswelten entfalten.

Dialogische Resonanzräume

Wenn wir mit gemeinsam geteilter Intentionalität (vgl. Tomasello 2011) mit anderen Menschen in einen ‚wirklichen‘ Dialog (Martin Buber) gehen, entsteht ein gemeinsamer Resonanzraum (Petzold 2013) und damit ein neues System mit einer eigenen Kohärenz.

In diesem dialogischen Resonanzraum kann man zwar noch unterscheiden, wer wann was sagt bzw. zuhört und somit auf der verbalen Ebene Sender und Empfänger bestimmen. Aber für die Qualität der Kommunikation sind andere Aspekte wie die gemeinsame Intentionalität, die Kontextbedingungen u.a.m. viel wichtiger als wer wann was gesendet hat. Die direkte Kommunikation findet zwischen 80% und 95% nonverbal statt, und da ist bei genauer Beobachtung alles Mitgeteilte eine Antwort (=Resonanz) auf Vorhergehendes, auf Beziehungsinformationen, die non- und paraverbal ausgetauscht werden und/oder auf die gemeinsame Intentionalität. Die gesendeten und wahrgenommenen Beiträge sind zum großen Teil aus Resonanz zur gemeinsamen Aufgabe und Kohärenz entstanden, an der mit geteilten Rollen gearbeitet wird.

So ist das Ergebnis des Dialogs eben ein Ergebnis des Dialogs und nicht das Ergebnis der Sendungen des Therapeuten bzw. Beraters, sondern der kreativen Kooperation aller Beteiligten – ggf. auch der stillen Zuhörer.