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Veranstaltungen:

11. Jan 2017

TSF Kursleiterausbildung

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19. Jan 2017

Einführungsseminar "Salutogene Kommunikation"

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24. Mär 2017

Salutogener Umgang mit Symptomen - die heilsame Information verstehen (wird als Salkom®-Einführungsseminar anerkannt)

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08. Mai 2017

Training der Selbstregulationsfähigkeit - Rundum stimmig und gesund

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23. Jun 2017

1. Internationaler Kongress "Salutogenese bei Krebs"

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Weitere Veranstaltungen

Gesunde Dynamik

„Die Zugkraft der Zukunft ist stärker als die Schubkraft der Vergangenheit." Leonhard  Euler (1707-1783), Mathematiker

Wie entsteht Gesundheit?

‚Gesund’ ist kein fixer Zustand, sondern ein ständiger Vorgang, eine ständige Entwicklung eines Menschen auf einen attraktiven Idealzustand von ‚Gesundheit’ hin.

Wenn wir unsere eigene Unvollkommenheit mit allen Unannehmlichkeiten, wie Leiden oder auch Behinderungen, bedingungslos annehmen, können wir erkennen, dass wir langfristig doch alle nach der gleichen Vollkommenheit streben – jeder auf seinem ganz individuellen einzigartigen Weg.

Dieses innere Bild vom Idealzustand von ‚vollkommenem körperlichen, seelisch-geistigen Wohlbefinden’ (Definition der WHO) nennen wir in Anlehnung an die Chaostheorie ‚Attraktor’. Der Weg dorthin kann sehr chaotisch verlaufen. Wir fühlen uns gesund, wenn wir uns diesem inneren Attraktor nahe bzw. auf dem Weg in seine Richtung fühlen. (s. Petzold, Th. D. (2000): Gesundheit ist ansteckend! Heilungsphasen und innere Bilder. Bad Gandersheim: Verlag Gesunde Entwicklung. Und 2010: Praxisbuch Salutogenese - Warum Gesundheit ansteckend ist. München: Südwest-Verlag)

Wir haben zum Verständnis der Salutogenese des Menschen ein Modell entwickelt, das sich an die Erkenntnisse der Chaosforschung in Bezug auf ein deterministisches (bestimmbares) Chaos anlehnt. Diese besagen, dass dynamische Prozesse wohl (scheinbar) chaotisch verlaufen können, sich aber trotzdem letztendlich einem Zielbild annähern. Dieses Zielbild heißt in der Sprache der Chaosforschung ‚Attraktor’, bei komplexen Vorgängen ‚seltsamer Attraktor’.

Die Funktion von „Gesundheit“ für die Selbstregulation ist die eines Attraktors, wie sie in der Chaostheorie beschrieben wird: Sie zieht die chaotisch erscheinenden Bewegungen der Moleküle und Zellen in Richtung Heilung, Stimmigkeit, und die einzelnen Menschen in Richtung systemischer Kohärenz in verschiedenen System-Dimensionen (s. ‚Systemische Beziehungen‘). Komplexe Attraktoren sind z.T. noch berechenbar aber nicht mehr realisierbar: Sie bestehen aus komplexen, nicht nur aus realen Zahlen.

Das Prinzip Stimmigkeit

Die Chaosforschung hat viele Annäherungsprozesse an komplexe Größen mathematisch beschrieben. Zur Vereinfachung haben wir diesen Annäherungsprozess in einer dynamischen Kreisgrafik veranschaulicht. Das Leben dreht sich um Attraktoren – der übergeordnete Attraktor ist Stimmigkeit / Kohärenz. Dabei hat der Mensch viele Bedürfnisse, deren Befriedigung umso attraktiver erscheint, je bedürftiger man ist. Wenn ein Mensch satt ist, hat er kein Bedürfnis nach Nahrung. Dann besteht eine Übereinstimmung zwischen seinem Nahrungs-Attraktor und dem Ist-Zustand (vgl. auch Bedürfniskommunikation im Praxisbuch. So wechseln die jeweils wirksamen Attraktoren je nach Übereinstimmung/Unstimmigkeit von Soll- und Ist-Zustand.

„Konsistenzregulation [=Stimmigkeitsregulation, Anm. d. Verf.] findet ganz überwiegend unbewusst statt und durchzieht so sehr das ganze psychische Geschehen, dass es angemessen erscheint, von einem obersten oder pervasiven Regulationsprinzip im psychischen Geschehen zu sprechen.“ Grawe, Klaus: Neuropsychotherapie (2004), S. 190-191

Die Dynamik gesunder Entwicklung

In der Graphik ist das Leben als dynamischer Kreis dargestellt, welches ständig durch die drei Erlebensdimensionen von Wahrnehmen/Fühlen/Emotionen, Körper/Handeln und Vorstellen/Lernen/Erkenntnis um innere Attraktoren kreist. Dabei bewegen wir uns jeweils in mehr oder weniger konstruktiver Kohärenz und Resonanz zu unseren äußeren mehrdimensionalen Zusammenhängen: unserer physischen Umwelt, unseren Mitmenschen, unserer Kultur und unserem globalen Kontext, wie uns heute immer mehr bewusst wird.

Mit dem Wahrnehmen einer subjektiv bedeutsamen Unstimmigkeit von Soll und Ist beginnt die Selbstregulation des Organismus. Wahrnehmen ist mehr passives Empfangen von Signalen aus der Umgebung. Aus der Bewertung der Wahrnehmung in Bezug auf Bedeutsamkeit (vgl. „Gefühl der Bedeutsamkeit“, „meaningfulness“ bei Antonovsky) entsteht die Motivation zum Handeln. Wenn ausreichend Fähigkeiten und andere Ressourcen vorhanden sind, hat der Mensch das „Gefühl von Handhabbarkeit“ („manageability“ bei Antonovsky). Handeln ist aktive Kommunikation mit der Umgebung. Nach dem Handeln bilanziert er und reflektiert dabei auch die Wirkungen und Reaktionen der Umwelt auf seine Aktivität. Daraus entsteht ein Verstehen der Umweltbeziehungen und Wechselwirkungen.Sind diese einigermaßen konsistent, entsteht ein Gefühl von „Verstehbarkeit“ („comprehensibility“ bei Antonovsky).

Dieser dynamische Zyklus der Stimmigkeitsregulation ist somit gleichzeitig auch ein Zyklus des Lernens. Daraus wird ersichtlich, wie wichtig Lernen für eine gesunde Selbstregulation, für gesunde Entwicklung ist. Menschen lernen „mehrdimensional“, oft gleichzeitig in mehreren Lebensdimensionen.

Annähern und abwenden lernen

Fritz-Albert Popp sieht in der lebendigen Zelle die grundlegende Fähigkeit, zwischen aufbauender und zerstörerischer Kohärenz zu unterscheiden und die konstruktive aufzunehmen und die destruktive abzuwehren(Biophotonen – Neue Horizonte in der Medizin. Stuttgart: Haug-Verlag; 2006). Basal für Lebewesen ist dies Unterscheidungsvermögen zwischen dem, was aufbauend ist und dem was zerstörerisch/bedrohlich ist. Mit dem Aufbauenden sucht ein Organismus Resonanz/Annäherung bzw. Einverleibung. Das Bedrohliche sucht er zu vermeiden bzw. bekämpfen. Diese zwei Richtungen von Annähern und Abwenden kennt schon das Pantoffeltierchen. Im Laufe der Evolution haben sich diese beiden Aspekte zu zwei motivationalen neuropsychischen Schaltsystemen entwickelt. Es gibt in unserem Gehirn ein Annäherungssystem, das eng mit dem Lustzentrum verschaltet ist, und uns bei attraktiven Zielen positiv stimmt und zu aufbauendem Verhalten motiviert. Dieses wird aktiviert z.B. durch eine salutogenetische Orientierung. Als ebenso lebensnotwendige Ergänzung gibt es das sog. Abwendungs-/Vermeidungssystem. Es steuert unser Verhalten, Gefahren wie Gesundheitsrisiken und Krankheiten zu vermeiden bzw. zu bekämpfen. Das Abwendungssystem ist eng mit dem Angstzentrum im Gehirn verschaltet.

Eine gesunde Entwicklung wird durch ein gutes Zusammenspiel dieser beiden neuropsychischen Systeme ermöglicht und hergestellt. Analog ist also auch ein synergistisches Zusammenspiel von salutogenetischer und pathogenetischer Orientierung unsere Aufgabe, um gesunde Entwicklung (Salutogenese) zu fördern.

Gesundheit und Krankheit

Wenn wir uns im Leben zu weit von unserem inneren Attraktor, unserer inneren Kohärenz, entfernen, sei es durch Überforderung oder sei es, weil wir unsere existentiellen Bedürfnisse sonst nicht befriedigen können, fühlen wir uns gestresst, außerhalb unserer Balance und/oder krank.

Gesunde Entwicklung – Salutogenese – ist damit ein grundlegender Lebensprozess, eine zirkulär-spiralige Dynamik mit wechselnden Phasen. Erkrankung ist gleichzeitig eine Störung wie auch – von einer Beobachterebene aus betrachtet – ein Korrektiv in diesem Lebensprozess. Widrigkeiten im Leben haben uns zu sehr von unserer kohärenten und attraktiven Mitte, von unserer 'Stimmigkeit' weggebracht. Die ‚Widrigkeiten’ können sehr unterschiedlich sein: von Mangelernährung, äußeren Angriffen (wie Bakterien, Viren, Gewalt etc.), persönlicher Kränkung bis hin zu Verführung durch Werbung und beruflicher Überforderung.

Ein Störgefühl, eine Erkrankung kann dann wirken wie eine rote Warnlampe, die uns sagt, dass wir uns zu weit von der aufbauenden Kohärenz entfernt und in destruktive Resonanz begeben haben: „So geht es nicht weiter!“ (= ‚negative Rückkopplung’). Dann ist es unsere Herausforderung und Aufgabe, wieder den Kontakt zu unserem inneren Attraktor in Richtung Gesundheit, die innere und äußere Verbundenheit und Stimmigkeit, zu finden. Stimmigkeit betrifft alle unsere (Er-)Lebensdimensionen, wie körperlich-sinnlich, emotional-sozial, mental-kulturell und geistig-global-universell.

Damit kommen wir zum zweiten Aspekt der Salutogenese und allgemeiner auch zukunftsfähiger Lebenswissenschaften, den systemischen Beziehungen.