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Weiterentwicklung
Die Weiterenwicklung des Salutogenesekonzeptes bezieht sich im Wesentlichen auf folgende Punkte:
1. Verhältnis von Salutogenese und Pathogenese - Annähern und Vermeiden
2. Das Konzept des 'sense of coherence SOC' (Sinn für Kohärenz, Kohärenzgefühl) - Neurophysiologie und Prinzip der Stimmigkeit
3. Die Dynamik von gesund und krank - die drei Komponenten des SOC im Modell der Selbstregulation
4. Die Mehrdimensionalität von Gesundheit und Krankheit (Daseinsdimensionen)
5. Salutogene Kommunikation und aufbauende Kohärenz, Resonanz
Salutogenese als grundlegende Wissenschaft von Gesundheit
Oft werden die pathogenetische und salutogenetische Sichtweise als gegensätzlich oder alternativ gegenüber gestellt. Das entspricht der von Antonovsky kritisierten Dichotomie von krank und gesund. Dabei ist eigentlich offentsichtlich, dass die Grundlage des Lebens die gesunde Entwicklung, die Salutogenese ist, die durch Krankheiten bzw. deren Vermeidung ergänzt und auch ermöglicht wird.
In der Selbstorganisation des Menschen und anderer Lebewesen finden wir diese beiden Aspekte des Lebens in den neuropsychischen Systemen zur Annäherung und Vermeidung wieder. Es gibt ein Annäherungssystem genanntes Schaltsystem in unserem Gehirn, das eng mit dem Lustzentrum verschaltet ist, und uns bei attraktiven Zielen positiv stimmt und zu aufbauenden Verhalten motiviert. Dieses wird aktiviert durch eine salutogenetische Orientierung. Als ebenso lebensnotwendige Ergänzung gibt es das sog. Vermeidungssystem. Es steuert unser Verhalten, Gefahren wie Gesundheitsrisiken und Krankheiten zu vermeiden bzw. zu bekämpfen. Das Vermeidungssystem ist eng mit dem Angstzentrum im Gehirn verschaltet.
Eine gesunde Entwicklung wird durch ein gutes Zusammenspiel dieser beiden neuropsychischen Systeme ermöglicht und hergestellt. Analog ist also auch ein synergistisches Zusammenspiel von salutogenetischer und pathogenetischer Orientierung unsere Aufgabe, um gesunde Entwicklung, Salutogenese (die Entstehung von Gesundheit) zu fördern.
Die Frage nach der Entstehung von Krankheiten hat nur Sinn auf der Grundlage des Lebens, der Salutogenese. Wenn man von einer salutogenetischen Sichtweise ausgeht, erscheint die Entstehung einer Erkrankung in einem anderen Licht als wenn man von vornherein ausschließlich von einer Vermeidung und Bekämpfung ausgeht. Z. B. wird dann auch nach der Bedeutung einer Erkrankung im aktuell individuellen Lebenskontext gefragt.
So kann man diese beiden Lehren im Grunde nicht voneinander trennen und schon gar nicht gegeneinander stellen.
Wenn man sein Denken, Forschen und Handeln allerdings ausschließlich pathogenetisch orientiert und die Grundlagen gesunder menschlicher Entwicklung gänzlich aus den Augen verliert, wie es z. Zt. bei großen Teilen der Schulmedizin der Fall ist, dann besteht die Gefahr, dass man sich gegen die gesunde Entwicklung der Menschen richtet und selbst Krankheiten produziert.
Neuropsychologisch ist das so zu verstehen, dass einseitig Vermeidungsziele angeregt werden und damit das Vermeidungssystem aktiviert wird, das dann positiv motiviertes, sinnvolles Annäherungsverhalten hemmt. Die Folge sind Stresserkrankungen und Depression.
Deshalb widmen wir uns hier explizit der Salutogenese, um die Grundlagen gesunder menschlicher Entwicklung wieder und neu ins Zentrum der Betrachtung zu rücken. Wir wollen diese gesunde Entwicklung, die Salutogenese, verstehen und erfassen, um damit das Annäherungsverhalten an Gesundheit zu aktivieren. Als erwünschte Nebenwirkung finden wir ein neues Verständnis zur Entstehung, Vorbeugung und Behandlung von Krankheiten.
Ein Sinn für Kohärenz ('sense of coherence')
Wir gehen davon aus, dass bei Menschen (wie auch bei vielen oder allen Tieren) ein Sinn, eine neurobiologisch zentrale Empfindungsfähigkeit für aufbauende Kohärenz (stimmige Verbundenheit – innen oder z.B. auch im sozialen System) angeboren ist.
Es ist eine Unterscheidungsfähigkeit zwischen aufbauender und zerstörerischer Resonanz (s.u. F.-A. Popp), verstanden auch als Kommunikation mit der Umwelt.
Diese Empfindungsfähigkeit ist sozusagen das innere Messinstrument, das uns differenziert Auskunft gibt, ob und wie unser Bedürfnis nach Angenommensein, nach Zugehörigkeit, nach Bindung befriedigt wird oder nicht. Wenn wir von unseren nächsten Mitmenschen positive Resonanz auf unser Dasein erhalten, wenn also unser Bedürfnis nach Zugehörigkeit befriedigt wird, dann entsteht ein Kohärenzgefühl (Zugehörigkeitsgefühl, erfüllende aufbauende Bindung).
So sind also der Sinn für Kohärenz und das Kohärenzgefühl verschieden. Und sie hängen zusammen. Der Sinn für Kohärenz ist angeboren, das Kohärenzgefühl entsteht durch zwischenmenschliche Kommunikation.
Deshalb ist Kommunikation das entscheidende Instrument zur Anregung bzw. Erzeugung von Kohärenzgefühl (s. ‚Salutogene Kommunikation SalKom®').
„Bei anderen Resonanz zu finden, anderen selbst Resonanz zu geben und zu sehen, dass sie ihnen etwas bedeutet, ist ein biologisches Grundbedürfnis - jedenfalls lässt sich das für höhere Lebewesen nachweisen. Unser Gehirn ist … neurobiologisch auf gute soziale Beziehungen geeicht.“ J. Bauer (2005): Warum ich fühle, was du fühlst. S. 169
Die Dynamik gesunder Entwicklung
Antonovsky selbst hat schon geschrieben, dass das Salutogenese-Konzept dann zu weiter Blüte kommen wird, wenn mehr Klarheit über die Gesetzmäßigkeiten gefunden wird, wie aus Chaos Ordnung entsteht, wie also aus der scheinbar chaotischen Unendlichkeit biochemischer Möglichkeiten und Vorgänge die so hohe dynamische und komplexe Regelung unseres Organismus entsteht.
Wir haben zum Verständnis der Salutogenese des Menschen ein Modell entwickelt, das sich an die Erkenntnisse der Chaosforschung in Bezug auf ein deterministisches Chaos anlehnt. Diese besagen, dass dynamische Prozesse wohl (scheinbar) chaotisch verlaufen können, sich aber trotzdem letztendlich einem Zielbild annähern. Dieses Zielbild heißt in der Sprache der Chaosforschung ‚Attraktor’, bei komplexen Vorgängen ‚seltsamer Attraktor’.

- Selbstregulation im Kontext ©T.D. Petzold
Daraus ergibt sich folgende Betrachtungsweise.
Wie entsteht Gesundheit?
‚Gesund’ ist u. E. kein fixer Zustand, sondern ein ständiger Vorgang, eine ständige Entwicklung eines Menschen auf einen attraktiven Idealzustand von ‚Gesundheit’ hin.
Wenn wir unsere eigene Unvollkommenheit mit allen Unannehmlichkeiten, wie Leiden oder auch Behinderungen, bedingungslos annehmen, können wir erkennen, dass wir langfristig doch alle nach der gleichen Vollkommenheit streben – jeder auf seinem ganz individuellen einzigartigen Weg.
Dieses innere Bild vom Idealzustand von ‚vollkommenem körperlichen, seelisch-geistigen Wohlbefinden’ (Definition der WHO) nennen wir in Anlehnung an die Chaostheorie ‚Attraktor’. Der Weg dorthin kann sehr chaotisch verlaufen. Wir fühlen uns gesund, wenn wir uns diesem inneren Attraktor nahe bzw. auf dem Weg in seine Richtung fühlen. (s. Petzold, Th. D. (2000): Gesundheit ist ansteckend! Heilungsphasen und innere Bilder. Bad gandersheium: Verlag Gesunde Entwicklung. Und 2010: Praxisbuch Salutogenese - Warum Gesundheit ansteckend ist. München: Südwest-Verlag)
In der Graphik ist das Leben als dynamischer Kreis dargestellt, welches ständig durch die drei Erlebensdimensionen von Wahrnehmen/Fühlen/Emotionen, Körper/Handeln und Vorstellen/Lernen/Erkenntnis um innere Attraktoren kreist. Dabei bewegen wir uns jeweils in mehr oder weniger konstruktiver Kohärenz und Resonanz zu unseren äußeren mehrdimensionalen Zusammenhängen: unserer physischen Umwelt, unseren Mitmenschen und unserer Kultur und auch unserem globalen Kontext, wie uns heute immer mehr bewusst wird.

- Systemische Daseinsdimensionen ©T.D. Petzold
Salutogenese mehrdimensional
Um diese systemische mehrdimensionale Sichtweise zu veranschaulichen hat Th. D. Petzold die nebenstehende Grafik der Daseinsdimensionen / Systemdimensionen entworfen. Sie skizziert ein systemsiches Menschen- und Weltbild, das zeigt, wie jedes System, jede Ganzheit (=Holon) Bestandteil eines größeren Kontextsystems ist. Jedes kleine System wird von den größeren durchdrungen und gleichzeitig bildet es die größeren mit. Es ist in Resonanz mit seinen Kontexten und gestaltet diese mit.
Gesundheit und Krankheit
Wenn wir uns im Leben zu weit von unserem inneren Attraktor, unserer inneren Kohärenz, entfernen, sei es durch Überforderung oder sei es, weil wir unsere existentiellen Bedürfnisse sonst nicht befriedigen können, fühlen wir uns gestresst, außerhalb unserer Balance und/oder krank.
Gesunde Entwicklung – Salutogenese – ist damit ein grundlegender Lebensprozess, ein circuläres Kontinuum mit wechselnden Phasen. Erkrankung ist gleichzeitig eine Störung wie auch ein Korrektiv in diesem Lebensprozess. Widrigkeiten im Leben haben uns zu sehr von unserer kohärenten und attraktiven Mitte, von unserer 'Stimmigkeit' weggebracht. Die ‚Widrigkeiten’ können sehr unterschiedlich sein: von Mangelernährung, äußeren Angriffen (wie Bakterien, Viren, Gewalt etc.), persönlicher Kränkung bis hin zu Verführung durch Werbung und beruflicher Überforderung.
Ein Störgefühl, eine Erkrankung kann dann wirken wie eine rote Warnlampe, die uns sagt, dass wir uns zu weit von der aufbauenden Kohärenz entfernt und in destruktive Resonanz begeben haben: „So geht es nicht weiter!“ (= ‚negative Rückkopplung’). Dann ist es unsere Herausforderung und Aufgabe, wieder den Kontakt zu unserem inneren Attraktor in Richtung Gesundheit, die innere Verbundenheit und Stimmigkeit, zu finden.
Annähern und Vermeiden
Dabei wollen wir als GesundheitsarbeiterInnen behilflich sein. Es beginnt damit, dass wir diesen Attraktor mit seinen verschiedenen Unterattraktoren genauer ergründen und betrachten.
Der große – auch über das individuelle Leben weit hinausgehende – Attraktor ist die kreative Synthese, die letztendlich der Motor für die Evolution von immer komplexeren Formen ist. Hinter all unserem Streben können wir das Verlangen nach Kohärenz und Synthese, nach Stimmigkeit und Vereinigung, nach Einheit in unterschiedlichen Daseinsdimensionen erkennen. Fritz-Albert Popp sieht in der lebendigen Zelle die grundlegende Fähigkeit, zwischen aufbauender und zerstörerischer Kohärenz zu unterscheiden und die konstruktive aufzunehmen und die destruktive abzwehren (2006): Biophotonen – Neue Horizonte in der Medizin. Stuttgart: Haug-Verlag).
Möglicherweise haben sich aus diesem Unterscheidungsvermögen und aktiven Entscheidungsvermögen der Einzeller das neuropsychologische Annäherungs- und das Vermeidungssystem bis hin zum Menschen gebildet. Diese beiden motivationalen Systeme bestimmen in weiten Zügen unsere Verhaltensweisen (s.a. Petzold (2010): Praxisbuch Salutogenese. Südwest-Verlag. und Petzold (hrsg.) 2010: Lust und Leistung ... und Salutogenese. Verlag Gesunde Entwicklung).
Wir nehmen die Unterattraktoren oft als unterschiedliche Bedürfnisse wahr: Das Verlangen nach ausreichend Sauerstoff, Hunger und Durst sorgen für die physiologische Basis unseres Lebens durch die Synthese von Materie. Das Bedürfnis nach Zugehörigkeit (Synthese mit unseren Mitmenschen) bringt und hält uns in zwischenmenschlichen Beziehungen und motiviert uns zu Anpassung und Integration. Sinnliche, sexuelle Lust sorgt für kreative Synthese mit unserem Geschlechtspartner und damit für Reproduktion und zwischengeschlechtliche Beziehungen. Seelisch-geistige Stimmigkeit und Synthese im Bewusstsein bringt uns geistig-kulturelle Evolution.
Kriterien für salutogenetische Orientierung
In vielen Diskussionen haben sich für eine 'salutogenetische Orientierung' folgende sieben Kriterien herauskristallisiert. Eine Arbeit für Gesundheit ist dann ‚salutogenetisch orientiert’ wenn sie
1. An Stimmigkeit, Kohärenz, Verbundenheit, aufbauender Kommunikation orientiert ist. Das Streben nach Kohärenz ist ein übergeordnetes - wahrscheinlich allen Lebewesen innewohnendes Prinzip, das dafür sorgt, dass sich Lebenwesen aus dem Chaos entgegen den physikalischen Gesetzen der Entropie komplex und gesund organisieren können.
2. Auf Gesundheit (attraktive Ziele, Vorstellungen) ausgerichtet ist.
D. h. die Arbeit richtet sich primär nicht am Kampf gegen Krankheiten und Risikofaktoren aus, sondern an attraktiven Gesundheitszielen, wie z.B. Wohlbefinden, Sicherheit, Lust, Lebensqualität, Freude, Fitness, Sinnerfüllung, Weisheit und ähnlichem.
3. Ressourcenorientiert ist.
D.h. dass man primär nicht nach Defiziten, Störungen, Blockaden usw. sucht, sondern nach eigenen Fähigkeiten und auch Unterstützung - allen Quellen von Wohlbefinden, für Eigenaktivität, Motivation usw.
4. Das Subjekt wertschätzt.
D.h. nicht versucht, das Individuum in eine Norm zu pressen. Die Pathologie geht von Normen (Normalwerten) aus. Die salutogenetische Orientierung erkennt mit dem Subjekt auch das Subjektive an, die Selbstwahrnehmung, individuelle Gesundheitsziele, subjektive Krankheits- und Gesundheitstheorien, fragt nach subjektiven Deutungen und Bewertungen.
5. Aufmerksamkeit für systemische Selbstorganisation und -regulation hat und individuelle, soziale, kulturelle und globale Kontextbezüge einbezieht.
Die Selbstregulation und Selbstheilungsfähigkeit eines Menschen wird mehrdimensional in seinen familiären, gemeinschaftlichen, kulturellen, globalen sowie auch universellen Bezügen gesehen. Auch soziokulturelle Prozesse werden als selbstregulativ verstanden.
Für diese Selbstregulation sind sowohl innere Sollwerte (Attraktoren) als auch äußere Bedingungen (Kontexte) maßgeblich. Es kommen aber nur selten lineare Ursache-Wirkungs-Prozesse vor.
Der Mensch wird vorwiegend nicht als Opfer von medizinischer Manipulation und Machbarkeit gesehen, sondern als ein sich letztendlich autonom regulierendes System in einem größeren System. Dazu gehört eine Haltung des Unwissenden, Neugierigen und Demütigen.
6. Dynamisch prozess- / lösungsorientiert ist auf Entwicklung und Evolution.
Die salutogenetische Sichtweise geht von einem Lebensprozess aus, der bisweilen in Krankheitssymptome und dann wieder in Genesung und Kreativität regulieren kann. Das Bild des Schwimmens im Fluss des Lebens hat Aaron Antonovsky für die salutogenetische Sichtweise geprägt.
7. Die alte dichotome Sichtweise von entweder krank oder gesund erweitert durch die Erkenntnis, dass im Lebensprozess immer beides vorhanden ist: sowohl Krankheit als auch Gesundheit. Allgemein werden meist mehrere Möglichkeiten in Betracht gezogen - es wird 'sowohl-als-auch' gedacht (nur selten: entweder oder).
Diese sieben‚Qualitätskriterien’ salutogenetischer Orientierung (s. a. Tabelle Qualitätskriterien: hier klicken) sind noch keine endgültigen Größen – vielleicht können sie ein Ausgangspunkt für die weitere Diskussion um die Salutogenese sein, die wir auch hier weiter führen wollen und zu der wir alle Interessierten einladen.


